Kritisches bei
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Rationalisierung im Verwaltungsbereich
von Daniel Schwamm (27.06.1994)
Aus "Heimat des Dilettantismus"
http://www.henrys.de/daniel/index.php?cmd=texte_rationalisierung-in-der-verwaltung.htm
nach Ulrike Berger, Marettek (1984)
Inhalt
1. Gemeinschaftskosten-Wertanalyse
1.1 Management als Rationalisierungsakteur
1.2 Die Methode
1.3 Kritik
2. Zero Base Budgeting
2.1 Konzeption
2.2 Durchführung
1. Gemeinschaftskosten-Wertanalyse
1.1 Management als Rationalisierungsakteur
Seit den 70ern wird nicht nur die Ablauforganisation
rationalisiert, sondern auch die Produkte selbst. Die Wertanalyse im
Produktbereich bringt Produkte mit gleichen Leistungswerten, aber niedrigeren
Kosten zuwege, indem z.B. festgestellt wird, daß ein 4 mm-Blech
ausreicht, wo bisher 5 mm-Blech eingesetzt wurde. Es geht bei der Wertanalyse
also zunächst darum, die Funktion eines Produkts zu ermitteln, um dann
gezielt nach alternativen Lösungen suchen zu können, ohne
Rücksicht auf bestehende Strukturen nehmen zu müssen. Dieser Gedanken
wird nun auch im Verwaltungsbereich verfolgt, wo die Gemeinkosten
überproportional angewachsen sind. Gründe dafür gibt es
zahlreiche: Die natürliche Dynamik in Organisationen, die verschiedenen
Instrumentarien, die jedermann zu Verbesserung seiner Ergebnisse einsetzt, die
letztlich aber eher Kosten als Nutzen verursachen, die Rationalisierung der
Produktion fördert die Verwaltung, überflüssige
Dienstleistungen, Prognosen bis ins Jahr 3000, externe Experten drängen
sich auf, schlichter Übereifer (jede neue BWL-Theorie wird gleich
ausprobiert), die Machtbedürfnisse einzelner, Parkinsons Gesetze, usw.
Dabei gilt: Der Gewinnbeitrag der Verwaltungs-Hilfsmittel läßt sich
zwar nicht nachweisen, aber angeschafft werden sie dennoch immer in guten
Zeiten, während sie in schlechten Zeiten dann keiner mehr ohne Kampf
wieder hergeben will.
Die GK-Wertanalyse (GWA) ist eine reine Kostensenkungsmethode
(im Ggs. zum Zero Base Budgeting, das auf Kostenumverteilung hinzielt; siehe
nächstes Kapitel). 50% der Gemeinkosten (GK) eines Unternehmens setzten
sich aus Verwaltungskosten zusammen, ca. 85% der Verwaltungs-GK wiederum gehen
auf das Konto des Personals, welches vom mittleren Mangement beherrscht wird.
Statt daß wie bei der konventionellen Ablaufrationalisierung und
Wertanalyse nur die Ausführenden die Rationalisierungsmaßnahmen zu
spüren bekommen, sind bei der GWA v.a. die mittleren Manager betroffen,
was ganz im Einklang mit der derzeitigen Leaning-Absicht ist.
1.2 Die Methode
Die GWA besteht aus fünf Projektschritte. Die
Hauptakteure sind die mittleren Manager selbst, denn sonst wäre kaum ein
Erfolg in Aussicht zu stellen. Die GWA-Experten (z.B. von McKinsey, die die GWA
entwickelt haben) halten sich im Hintergrund. Jeder Schritt dauert nach den
"eisernen Regeln der GWA" nur exakt eine Woche, alle Beschlüsse sind
unveränderbart, und den LUEs ist jeweils nur der nächste Schritt
bekannt (dadurch können effektiv Blockierungsversuche unterbunden
werden).
(1) Vorschulung: Bekanntmachung der Generalamnesie, d.h. es
kann kein Leiter dafür zur Verantwortung gezogen werden, daß er die
zu findenden Sparvorschläge in seiner Organisationseinheit nicht schon
früher entdeckt und realisiert hat.
(2) Die Leiter der Untersuchungseinheit (LUE) bestimmen
sämtliche Funktionen, die unter ihrer Obhut ablaufen. Zudem wird
aufgeführt, wo die Kosten entstehen und wer Nutznießer der
exportierten Dienstleistungen ist. Dieser Schritt ist sicher der schwierigste,
v.a. weil es sich hier um Verwaltungs-GK handelt, also um geistige
Tätigkeiten wie Planung, Programmierung, die nicht von Externen
beobachtbar sind. Allerdings verlangt die GWA keinsfalls sonderlich genau
IST-Analysen; grobe Schätzungen (Aufwände bis 0.1 Manjahre
Genauigkeit angeben) reichen vollkomen aus.
(3) Die LUEs bekommen den Auftrag von den Leitern der
Projektgruppe (die sich nach McKinsey aus den Provilierungssüchtigsten des
Middle Mangement der Organisation rekrutieren) Vorschläge zu finden, mit
denen sich 40% der Kosten reduzieren lassen (die abstrakt in Mannjahren
vorliegen, da ja keine Tätigkeiten, sondern nur Funktionen betrachtet
werden). Diese utopische Forderung radikalisiert das Denken, und soll
schmummernde Ideen wachrütteln, auch wenn sie noch so verrückt
klingen. Die Liste mit den Vorschläge, die der LUE mit Hilfe seiner
Mitarbeiter zusammenbringt, muß er anschließend unterschreiben. Es
sind dann SEINE Vorschläge, während die obere Führung ihre
Hände für alle folgenden Maßnahmen in Unschuld waschen kann.
Die Wirkung ist letztlich schwer abschätzbar, denn bei Verwaltungs-GK kann
man nicht so leicht wie bei der Wertanalyse des Produktbereichs mit
monetären Größen rechnen. Oft läuft die sache auf aus ein
Ausprobieren von Alternativen hinaus, deren Erfolg langfristig keinesfalls
gesichert ist.
(4) Die Vorschläge werden auf ihre Durchführbarkeit
hin untersucht. Der abteilungsfremde Projektleiter hat dafür zu sorgen,
daß die LUEs möglichst viele A-Vorschläge zusammenbringen, denn
nur diese sind sinnvoll zu realisieren; außerdem ist er es, der die
Vorschläge vor dem Lenkungsauschuß (GWA-Experten und Top Management)
verantworten muß. Da der LUE begreift, daß hinter den von ihm
gewonnen Manjahre letztlich Personen stehen, die entlassen werden
können/sollen, wird er gerade entgegengesetzt versuchen, möglichst
viele C-Vorschläge anzubieten, um keine Mitarbeiter zu verlieren. GWAs
bieten offenbar reichlich Konfliktpotential.
(5) Die A-Sparvorschläge werden - sofern der
Lenkungsausschuß zustimmt - in Aktionsprogramme transferiert und von den
LUEs realisiert, d.h. sie sind es auch, die wählen müssen, wen von
ihren Mitarbeitern sie entlassen müssen.
1.3 Kritik
Die GWA ist eine Rationalisierungsmethode, die so rasch
abgearbeitet wird (wobei explizit jede Verzügerung von vorneherein
ausgeschlossen ist), daß die LUEs regelrecht überfahren werden. Ehe
sie überhaupt begreifen, daß sie mit der GWA letztlich ihre eigene
Abteilung beschneiden, weil sie sich im Rationalisierungsrausch befinden,
können sie keine Abwehrmaßnahmen treffen. Nach einer Woche hat der
Lenkungsausschuß ihre unterschrieben A-Vorschläge in der Hand und
sagt zu den LUEs: "Nun entlaßt mal schön!" Das Management kann
helfen, indem es günstige Pensionsregelungen trifft, jedoch kann es dann
passieren, daß den LUEs die falschen Leute abhanden kommen. Andererseits
kann der LUE die GWA auch als willkommen Anlaß nehmen, (vielleicht
funktionswichtige) Mißliebige loszuwerden, was auch nicht im Sinne einer
Effizienzsteigerung sein kann.
Lerneffekte sind zu erwarten; die Administratorenaskese
gefällt den Administratoren nicht, und daher werden sicher zukünftig
A-Vorschläge bei GWAs sicher nie wieder so zahlreich sein, wie sie das bei
den ersten durchgeführten GWAs waren. Zudem zeilen A-Vorschläge nicht
nur auf überflüssigen Speck, denn der kann auch wichtige
Pufferfunktionen besitzen; außerdem unterstützt er u.U. eine
Erweiterung/einen Fortschritt der Organisation und wirkt sich auf die AZ aus.
Zuletzt bestimmen auch die Fähigkeiten des LUEs, ob und wie weit
A-Vorschläge gebildet werden können, d.h. man traut den LUEs u.U. zu
viel Know-How in Richtung Rationalisierung zu, um über sie das Optimum
erreichen zu können.
Die GWA bekämpft eigentlich nur Symptome, nicht aber die
Ursachen. Denn die natürliche Dynamik, das Verhalten der Mitarbeiter
ändert sich dadurch ja nicht. Früher oder später kommt es wieder
zu einer Aufblähung des mittleren Managements, was eine erneute GWA
erforderlich macht (worüber sich die Unternehmungsberatungen sicher freuen
werden, nicht aber die Betriebsräte, die z.T. GWAs nur zulassen, sofern
keine Entlassungen damit verbunden sind).
2. Zero Base Budgeting
2.1 Konzeption
Zero Base Budgeting aus den 60ern von Texas Instruments ist
eine Analyse- und Plaungstechnik zur Umverteilung von Ressourcen und
gleichzeitiger Kosteneinsparung. Im Ggs. zur GWA dient es nicht nur der reinen
Kostensenkung bei Beibehaltung der bisherigen Funktionserfüllungssysteme
(i.d.R. Abteilungen), sondern sieht auch eine Änderung der Funktionen und
-Erfüllungssysteme selbst vor. Dabei wird von einer Nullbasis ausgegangen,
d.h. man stellt sich vor, man würde das Unternehmen gerade erst "auf der
grünen Wiese" gründen. Dies zwingt zu einer Strategiebildung, d.h.
das Unternehmen kann nicht wie sonst oft üblich mit "Volldampf durch den
Nebel fahren". Wiederum wird die Ermittlung und Durchführung der
Änderungen dem mittleren Mangement überlassen, denn wie die GWA zielt
auch die das ZBB haupsächlich auf Verwaltungs-GK ab; die ZBB-Experten
beraten nur. I.d.R. wird sie alle drei bis fünf Jahre durchgeführt
und eignet sich v.a. für Projekt-Organisationen, die auf intensive
Kooperation zwischen den Abteilungen angewiesen sind. Sie dauert ca. 16 Wochen,
was ziemlich kurz ist, angesichts ihrer potentiellen Wirkung.
2.2 Durchführung
(1) Entscheidungseinheiten bilden: Die Funktionsträger
(z.B. Abteilungen, Gruppen, Stäbe, ...) werden anhand der bestehenden
Organisation zu Entscheidungseinheiten zusammengefaßt. Angegliedert ist
eine Feststellung der Kosten der Leistungen und die Empfänger der
Leistungen. Z.B. läßt sich die Entscheidungseinheit Rechnungswesen
aus den Funktionseinheiten Debitoren, Kreditoren, Mahnwesen, Bilanzen,
Rechnungsprüfung usw. bilden. Fünf bis acht Wochen Zeit kann dieser -
für den laufenden Betrieb aufwendige - Schritt für sich beanspruchen.
Jeder Mitarbeiter zählt dabei stets als Mannjahr, egal, welche Leistung er
erbringt - es sei denn, er ist Halbtatgsarbeiter. Die Daten werden über
Standard-Formulare erhoben, die allgemein bekannt sind.
(2) Entscheidungspackete jeder Entscheidungseinheit bilden:
Hierbei geht es nicht immer darum, die Funktionen (unabhängig von der
derietigen Aufbau- und ablauforganisation) effizienter zu gestalten, sondern
sie nur so weit zu fördern, wie sie auch nötig sind. Mehr Menge bzw.
Qualität zu bieten, als verlangt wird, ist unrational. Man erhält
durch Brainstorming u.ä. Kreativitäts-Techniken den operationalen
Zielen entsprechende Entscheidungspackete (am besten in Form mehrere
Alternativen!). Neben nötigen alten Funktionen können auch neue
Funktionen gefunden und in die Entscheidungspackete aufgenommen werden. Die
Entscheidungspackete werden in drei Zielniveaus formuliert: Minimales
Arbeitsergebnis (keine neuen Ressourcen nötig) und mittleres und hohes
wünschenswertes Arbeitsergebnis (neue Ressourcen für die
Entscheidungseinheit nötig). Welches Zielniveau letztlich
berücksichtigt wird, obliegt der Strategie der Führung (siehe
nächsten Schritt).
(3) Rangordung von Entscheidungspacketen: Je nach relativer
Bedeutung im Hinblick auf die strategische Stoßrichtung der Organisation
lassen sich die Entscheidungspackete von den Entscheidungseinheitsleitern in
jeder Hierarchiestufe (Führung, Hauptabteilungen, Abteilungen) in
unbedingt zu genehmigende Entscheidungspackete und bedingt wünschenswerte
Entscheidungspackete gruppieren. Je nach Vorhandensein von benötigten
Ressourcen können dann in Abhängigkeit ihrer Priorität die
bedingt wünschenswerten Entscheidungspackete erfüllt werden oder auch
nicht. Man erhält dadurch z.B. A-, B- und C-Entscheidungspackete pro
Gruppe. Die Führung muß den Budegetschnitt ansetzen, der festlegt,
welche Zielniveaus künftig die Entscheidungseinheiten verfolgen sollen.
Personalwechsel oder sonstige Ressourcenumstrukturierungen bleiben dabei nicht
aus, jedoch kann für gewöhnlich von Entlassungen abgesehen werden.
Natürlich strebt jede Einheit ein A-Niveau ihres Entscheidungspacket an,
woraus ein Großteil der Motivation resultiert, die unbedingt nötig
ist, um das Projekt erfolgreich durchführen zu können.
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