Organisationstheorien II: Organisationstheorien im Überblick
von Daniel Schwamm (24.07.1994)
Aus "Heimat des Dilettantismus"
http://www.henrys.de/daniel/index.php?cmd=texte_organisationstheorie2.htm
nach Hill, Fehlbaum, P.Ulrich (1992)
Inhalt
1. Einleitung
2. Scientific Management
3. Bürokratie-Modell
4. Human Relation-Ansatz
5. Verhaltenswissenschaftliche Entscheidungstheorie
6. Systemtheoretische Ansätze
6.1 Organisationssoziologische Variante
6.2 Kybernetische Variante
7. Interaktionsorientierte Ansätze
7.1 Organisationskultur
7.2 Mikropolitik
7.3 Transaktionskostenökomomische Variante
1. Einleitung
Lange Zeit galt Webers Bürokratie-Modell als einzige
rationale Organisations-Form, obwohl er selbst bemerkte, daß dies nur in
bezug auf niedrig qualifizierte Arbeitskräfte gilt. Höher
Qualifizierte empfinden den Bürokratismus als "eisernen Käfig", der
ihnen die Menschlichkeit und Eigenverantwortung raubt. Doch bereits bald nach
Weber erkannte man die situative Bedingtheit, dem das Bürokrartie-Modell
unterliegt, und also begann man sich nach neuen Organisationsformen umzusehen.
Der Ausfluß dieser Bemühungen - die Organisationstheorien - sind
jeweils in bezug auf das Menschenbild und des historischen Bedingungsrahmens zu
interpretieren, um ihre Intention verstehen zu können.
2. Scientific Management
* Zeit: Um 1910.
* Bedingungsrahmen: Niedrige Qualifikation; Massenproduktion;
Verkäufermarkt; Existentbedürfnisse dominierten.
* Menschenbild: Mechanistisches Menschenbild (Maschine mit
Störfaktoren).
* Vertreter: Taylor, ein von der protestantischer Ethik
geprägter Rationalisierungs-Süchtiger.
* Konzeption: Damit der Mensch den Wirkungsgrad von Maschinen
erlangt, muß seine Arbeit zerlegt werden - dies gilt auch für die
Arbeit von Meistern (Funktions-Meister-Prinzip). Die Arbeit muß
ergonomisch gestaltet werden. Die Arbeit muß zum Arbeitnehmer passen. Es
muß ein leistungsorientiertes Lohnsystem gestaltet werden. Es müssen
vernünftige Arbeitszeiten ermittelt werden (damit die Arbeiter nicht wie
im 19. Jh. wegen permanenter Übermüdung weniger leisten können).
Über wissenschaftliche Experimente, wie Arbeits- und Zeitstudien,
Eignungstests und Anreizsysteme finden Ingenieure (nicht Manager!) objektive
Gestaltungskriterien für die Arbeitsplätze - dadurch kommt es zu
einer Harmonisierung zwischen Führern und Geführten.
3. Bürokratie-Modell
* Zeit: Um 1920.
* Bedingungsrahmen: Wachsender Verwaltungsapparat ==> mehr
Angestellte mit höheren Lohn- und Zielniveau; Prestige- und
Aufstiegsdenken dominierten.
* Menschenbild: Bürokratischer Mensch
(Aufgabenträger)
* Vertreter: Weber; Fayol.
* Konzeption: Laut Weber ist die Bürokratie die
effizienteste Form der Koordination von Menschen auf ein Ziel hin.
Zusätzlich ist sie die einzige Form legaler (satzungsgemäßer)
Herrschaft. Ihr Idealtypus sieht eine hohe Ausprägung der Strukturen
Amtsbildung, Amtsführung, Aktenmäßigkeit und Hierarchie vor.
Die klassischen Organisations-Prinzipien fügen deduktiv weitere
praxisorientierte Soll-Strukturen wie z.B. das Fayolsche Ein-Linien- bzw.
Stabs-Linien-System hinzu. Es wird von einem geschlossenen System ausgegangen,
d.h. es wird von der Situation, in der sich die Organisations befindet,
abstrahiert. Die Prinzipinen erheben den Anspruch der Generalität, ohne
auf empirische Evidenz verweisen zu können. Die sozio-emotionale
Komponente findet keine Beachtung. Der Gefahr der Pendantokratie begegnet Weber
mit der Forderung nach einem charismatischen Führer an der Spitze der
Organisation.
4. Human Relation-Ansatz
* Zeit: Um 1930.
* Bedingungsrahmen: Die Existenz ist gesichert, das
Ausbildungsniveau gestiegen ==> höhere Bedürfnisse werden
wach.
* Menschenbild: Sozial-motiviertes Gruppenwesen
(Bedürfnisträger).
* Vertreter: Majo, Maslow, McGregor, Herzberg.
* Konzeption: Die Hawthorne-Experimente Mayos zeigten,
daß das "sich um die Mitarbeitern kümmern" einen Leistungszuwachs
bringt. Die HR-Vertreter verlangen die beziehungsorientierte Führung bzgl.
Gruppen, wobei sie davon ausgehen, daß Arbeitszufriedenheit mit
höherer Leistung einhergeht. Das kann jedoch nicht bestätigt werden,
denn AZ alleine ist nicht noch zielgerichtet. Die Human Ressources-Vertreter
orientieren sich daher stärker an der Motivation des Einzelnen, fordern
ein Management by Motivation, wobei sie jedoch nur extrinsische Hygienefaktoren
im Auge haben. Es besteht eine Neigung dazu, manifeste Konflikte
"schönzureden", anstatt ihre Behebung anzustreben.
5. Verhaltenswissenschaftliche Entscheidungstheorie
* Zeit: Um 1940.
* Bedingungsrahmen: Wohlstandsgesellschaft; Automation; IT;
Unternehmen wachsen; Umwelt wird komplexer; Professionalisierung nimmt zu
==> Selbstentfaltungs-Bedürfnisse dominieren.
* Menschenbild: Entscheidungsträger.
* Vertreter: Banard (Vorläufer); Simon; March; Cyert.
* Konzeption: Die Vertreter dieser Richtung wissen, daß
die Informations-Verarbeitungs-Kapazität des Menschen beschränkt ist,
er zwar grundsätzlich versucht rational zu handeln, dies aber nicht
völlig erreichen kann. Die präskriptive entscheidungstheorie gibt
vor, wie wohl-strukturierte Probleme gelöst werden können. Die
deskriptive Entscheidungstheorie versucht zu erklären, wie
schlecht-strukturierte (aber wohl-definierte) Probleme in der Praxis
gelöst werden. Eine allumfassende Theorie, die das menschliches
Entscheidungsverhalten erklärt, gibt es (noch) nicht. Stattdessen
integriert die verhaltenswissenschaftliche Entscheidungstheorie einzelne
Theorien der Sozialwissenschaften, v.a. die motovationsorientierten Theorien,
um Erklärungen für individuelle Entscheidungen zu liefern, die
Erklärungen für kollektive Entscheidungen liefern, die wiederum
Erklärungen für Organisations-Entscheidungen liefern. Einen
Verstehens-Ansatz (wie er z.B. zur Interpretation der Wirkung der
Organisationskultur bgl. des Verhaltens wichtig wäre) lehnt die
Entscheidungstheorie ab. Ebenso billigt sie den Organisationsstrukturen keinen
großen Einfluß auf das Verhalten der Organisationsmitglieder zu.
6. Systemtheoretische Ansätze
* Zeit: Um 1950/1960.
* Bedingungsrahmen: Umwelt-Komplexität und -Dynamik
wächst; EDV-Aufkommen; Wohlstand weiterhin hoch ==>
Selbstentfaltungs-Bedürfnis dominant.
* Menschenbild: Komplexer Mensch (Umweltsanpasser).
* Konzeption: Im Gegensatz zum Bürokratie-Modell gehen
die sytemtheoretischen Ansätze von einem offenem System aus, d.h. der
Einfluß der Umwelt auf die Organisation muß beachtet werden ==>
das macht ein situatives Denken erforderlich. Im Gegensatz zum Human
Relation-Ansatz beachten die systemtheoretischen Ansätze neben den
extrinsischen Hygiene-Faktoren auch die intrinsischen Motivatoren. Es wird
explizit die Optimierung des sozio-technischen Systems angestrebt. Und im
Gegensatz zur Entscheidungstheorie vernachlässigen die systemtheoretischen
Ansätze nicht die Bedeutung der Strukturen bzgl. des Verhaltens der
Mitglieder der Organisation.
6.1 Organisationssoziologische Variante
* Vertreter: Etzioni; Pugh.
* Konzeption: Organisationen und insbesondere
Organisationsstrukturen müssen sich nach dem Situativen Ansatz, den die
organisationssoziologische Variante des systemtheoretischen Ansatzes
propagiert, den situativen Bedingungen anpassen. Über empirische Befunde
soll festgestellt werden, welche Strukturen sich in welcher Situation
bewährt haben. Es wurde z.B. festgestellt, daß Organisationen wie
Werbeunternehmen, die dynamische Märkte bearbeiten, vorwiegend organisch
(statt bürokratisch) strukturiert sind. Daraus wird für die
Organisatoren die Empfehlung abgeleitet, bei vorliegen dynamischer
Marktgegebenheiten die Spezialisisierung gering, die Formalisierung gering und
die Delegation hoch zu gestalten. Das täuscht jedoch einen Determinismus
vor, der faktisch nicht gegeben ist. Das strategische Wahlkonzept von Cyert,
welches zu den interaktionsorientierten Ansätzen gehört, zeigt z.B.,
daß es zu gebenen Situationen i.d.R. immer mehrere alternative Strukturen
gibt, zwischen denen gewählt werden kann.
6.2 Kybernetische Variante
* Vertreter: Thompson; Beer; Ulich; Malik; Propst.
* Konzeption: Organisationen sind nach Ausage der
kybernetischen Variante der systemtheoretischen Ansätze offene Systeme,
die zu komplex sind, um noch von Managern und Mitarbeitern rational
geführt werden zu können. Als soziale Systeme haben sie aber die
Fähigkeit zur Selbstorganisation, sofern diese nicht durch
Fremdorganisation behindert wird. Die Manager müssen daher laut der
ungeprüften Regeln der evolutionären Ansätze, die auf der
kybernetischen Varinate aufsitzen, lernen, Respekt vor dem System zu haben,
ihre Entscheidungen als vorläufig zu akzeptieren, auf Pläne bzw.
Programme und Formalismen zu verzichten, Aufgaben an Gruppen zu delegieren, und
zeitkritisch oder hartnäckig immer wieder Energie auf die Lösung von
Problemen zu verwenden. Ist das System aufgrund seines Potentials (seines
"Compools") adaptiv-lernfähig genug, dann wird es überleben,
ansonsten wird es ausselektiert.
7. Interaktionsorientierte Ansätze
* Zeit: Um 1970/1980.
* Bedingungsrahmen: Ruf nach Sozialverträglichkeit der
Technik; flexible IT; Japan-Schock; Eröl-Kriese ==> neokonservative
Wende der Wirtschaftspolitik; allgemeiner Wertewandel.
* Menschenbild: Mensch als Sinnsuchender; Mensch als
Intressenträger.
* Konzeption: Nachdem die systemtheoretischen Ansätze
hauptsächlich die Organisations-Strukturen und die Umwelt im Auge haben,
feiern bei den interaktionsorientierten Absätzen die Akteuere ihr
Comeback. Spielräume, zwischen denen die Organisationsmitglieder
wählen können, und die Beweggründe für das individuelle
Handeln spielen hier eine Rolle. Das deduktiv-nomologische Erklären wird
um den Verstehens-Ansatz ergänzt, wohinter die Erkenntnis steht, daß
subjektiven Sinnzusammenhänge oft ausschlaggebender für das Handeln
in und von Organisationen ist, als die objektiven
Wirkungszusammenhänge.
7.1 Organisationskultur
* Vertreter: Weick; Peters; Waterman.
* Konzeption: Der Japan-Schock rüttelte die
Westwirtschaft auf, in ihrem Rationalitätsprinzip die einzige effiziente
Arbeitsform zu sehen. Mit dem Kopieren japanischer Organisationsstrukturen ist
jedoch noch nichts erreicht, man muß auch die Organisationskultur mit
übernehmen. Der Mensch ist in unserer Zeit des Wertewandels ein Wesen auf
der Suche nach Sinn. Nur symbolische Führung (als Teil der
Organisationskultur) kann die intersubjektive Sinnhaftigkeit in den alten oder
neuen Organisations-Strukturen zuwegebringen. Die Organisations-Mitglieder
begreifen sich dann als Teil eines autopoesischen Systems oder einer
Miniaturgesellschaft, wo jedes Schicksal mit dem des anderen verknüpft
ist. Der Bezug auf die Archetypen der Urgesellschaften wirkt allerdings oft
eher verdunkelnd, als erhellend, um Interaktionsmuster erklären zu
können.
7.2 Mikropolitik
* Vertreter: Burns; Mintzberg; Bosetzky.
* Konzeption: Die Mikropolitik ist wichtig, um den Machtaspekt
hervorzuheben, der bei den Organisationstheorien, die funktionelle
Erklärungen für bestimmte organisatorische Erscheinungen liefern
wollen, häufig vergessen wird. Über die Mikropolitik erhält man
eine realistische Einschätzung darüber, wie Menschen sich zueinander
verhalten. So können mit ihrer Hilfe Schwachstellen (nämlich
Manipulations-Möglichkeiten) bspw. in den
Organisations-Entwicklungs-Konzepten aufgezeigt werden. Theorien über
Mikropolitik haben auch gezeigt, daß es sich dabei um ein normales
soziales Phänomen handelt und nicht um ein Fehler im System. Viele
dysfunktionle Effekte (z.B. unsachliche Entscheidungen) gehen mit ihr einher,
aber auch viele funktionale (z.B. Umgehung starrer formaler Kommunikationswege;
siehe auch Transaktionskosten-Theorie). Mikropolitik darf nicht ausufern,
wofür eine ethische Führung zu sorgen hat, sie darf aber auch nicht
überbewertet werden, da das unnötig teure oder inhumane Kontrollen
zur Folge haben kann.
7.3 Transaktionskostenökomomische Variante
* Vertreter: Coase (Vorläufer); Williamson; Ouchi.
* Konzeption: Die Ölkrise führte der Westwirtschaft
anschaulich vor Augen, wie wichtig der gesicherte Zugriff auf knappe Ressourcen
ist. Jeder Mensch sucht nach der TK-Theorie seinen Nutzen an einer Ressource zu
maximieren, wobei sich dieser Nutzen nicht nur auf monetäre
Größen bezieht. Die TK-Theorie innerbetrieblich angewendet, zeigt
auf, daß die Gestaltung von Profit Centers trotz der damit verbundenen
Doppelarbeiten ökonomisch sinnvoll ist, da die in Eigenverantwortung
versetzten Manager die ihnen alleine zur Verfügung stehenden Ressourcen
effektiver nutzten, als wenn sie auf einen kollektiven Ressourcenpool zugreifen
müßten. Grund: Die Profit Center-Manger handeln untereinandert die
optimalsten institutionelle Arrangements mit den niedrigsten TK aus. Ouchie hat
mit seinem Clan-Modell auch den "Wert" der Organisationskultur über die
TK-Theorie demonstriert: Durch die intersubjektiven Normen, die ein faires
Miteinander fordern, können die TK eingespart werden, die sonst für
Informations- und Kontroll- und Steuersysteme angefallen wären. Die
TK-Theorie jedoch zur allgemeinen Begründung von Strategien zu verwenden,
wäre zu kurz gedacht: Die rationale Ökonomie ist nicht alles, worauf
sich Strategien stützen sollten.
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