Werkzeuge der Ist-Analyse von Organisationen
von Daniel Schwamm (27.06.1994)
Aus "Heimat des Dilettantismus"
http://www.henrys.de/daniel/index.php?cmd=texte_organisationsanalyse.htm
nach Herold, Mund, Schneider, Krüger, Ulich u.a. (1978, 1983, 1990, 1991)
Inhalt
1. Kommunikationsanalyse
2. Affinitätsanalyse
3. Psychologische Arbeitsanalyse
3.1 Psychologische Auftrags- und Bedingungsanalyse
3.2 Psychologische Tätigkeitsanalyse
3.3 Auswirkungen der Tätigkeiten und Bedingungen auf die Beschäftigten
3.3.1 Job Diagnostic Survey (JDS)
3.3.2 Subjektive Arbeitsanalyse (SAA)
3.3.3 Subjektive Tätigkeitsanalyse (STA)
3.3.4 Regulationserfordernisse-Analyse
3.3.5 Regulationsbehinderungs-Analyse
3.3.6 Streß-Analyse
4. Generierung alternativer Grobkonzepte
4.1 Sinn von Alternativen
4.2 Findung von Alternativen
4.3 Beurteilung von Alternativen
4.3.1 Rationale Bewertung
4.3.2 Bewertungsschritte
4.3.3 Bewertungstechnik
1. Kommunikationsanalyse
(1) Vorstellung: Objektive Kriterien gewinnen zur
räumlichen Zuordnung der verschiedenen Organisationseinheiten nach
Meßgabe der Intensität ihrer ggs. Beziehung.
(2) Methode: Kontakthäufigkeiten (nicht Dauer!) ermitteln
zwischen Organisationseinheiten. Entweder zentral von der Führung oder
dezentral von Schlüsselpersonen Schätzen lassen, wobei jedoch viel
Spielraum zur Manipulation bleibt, oder über Strichlisten bzw.
EDV-Erfassung selbst die Zählung der Face-to-Face-Kontakte
übernehmen.
(3) Gründe für Manipulation: Fragebögen
lästig, Angst vor Wegrationalisierung, Sollvorstellung stimmt nicht mit
Istgegebenheiten überein, Unkenntnis (v.a. der Intensität der
Kommunikation), Festhalten am Status quo => Änderungen sind riskant,
bedeuten evtl. Abwertung der bisherigen Arbeit.
(4) Zu klärende Fragen bei Selbsterfassung:
Erhebungszeitraum? I.d.R. 2 bis 5 Wochen. Kommunikationsart? I.d.R.
Face-to-Face. Zählgruppe? I.d.R. Arbeitsgruppen.
(5) Zweck: Z.B. Büroraumplanung. Die
Kommunikationsanalyse liefert ein IST-Bezugsschema für die
Soll-Grundrißplanung. Sie kann aber auch als Reorganisationsgrundlage
dienen, wenn Änderungen an der Aufbau- bzw. der Ablauforganisation
vorgenommen werden sollen.
2. Affinitätsanalyse
(1) Problemfeld: Wenn man mehrere Produkte herstellt, ist dann
eine funktionale oder divisionale Organisationsstruktur besser. Eine
Entscheidungshilfe bietet die Affinitätsanalyse. Sie analysiert die
Gemeinsamkeiten bzw. Unterscheide zwischen Produkten untereinander.
(2) Lösungsansatz: Bei hoher Affinität ist keine
divisionale Organisation nötig, sondern es kann funktional vorgegangen
werden. Bei hoher Affinität zwischen zwei Abteilungen (nicht nur bzgl. der
Kommunikationshäufigkeit wie bei der Kommunikationsanalyse, sondern
mehrdimensional auch bzgl. Fertigungstechnologie, Abnehmergruppen, Umsatz usw.;
allerdings fehlt eine Leitungsspannenbetrachtung wie beim Lockheed-Modell)
können diese u.U. zusammengelegt werden (Spartenzusammenfassung,
Geschäftsbereichsbildung durch Sub-Divisionen).
(3) Methode: Ausdiskutieren der Affinitätskriterien (z.B.
Kundenstruktur, Produktionstechnologie, ...) zwischen den Bereichen (Forschung,
Produktion oder Vertrieb). Es ist dann jeweils die Affinität zwischen zwei
Produkten zu messen (Teilaffinität), was grafisch in
Affinitätsblöcken demonstrierbar ist: Der überlappende Teil
bedeutet Ähnlichkeit und läßt sich in einer einzigen Zahl
ausdrücken.
(4) Kritik: Gefahr der Willkür in Kriterien,
Gewichtungen, Meßgröße der überlappenden Blöcke.
Immerhin wird jedoch die Problematik strukturiert.
3. Pychologische Arbeitsanalyse
3.1 Psychologische Auftrags- und Bedingungsanalyse
Nach Matern kann man hier nach folgenden Schritten vorgehen,
die von AUSSEN zur Erhebung des intrinsischen Aufgabengehalts durchgeführt
werden:
(1) Einordnung aller Tätigkeiten im Unternehmen nach
Funktionen wie z.B. steuernde, regelnde und überwachende
Tätigkeiten.
(2) Produktmenge, Güte, Materialverbvrauch pro Auftrag
erheben.
(3) Arbeitsteilige Kooperation zwischen den Beschäftigten
erheben (relevant für Inhalt und Umfang der Tätigkeit).
(4) Aufträge auf Stabilität, Schwierigkeit und
Verfügbarkeit prüfen. Man erhält eine Rangordnung von
Komplexitäten.
(5) Freiheitsgrade pro Auftrag bzw. Tätigkeit ermitteln.
Die objektiven (beobachtbaren) Freiheitsgrade müssen mit den subjektiven
(nach Befragung erfahrenen) Freiheitsgraden übereinstimmen, sonst sind
reorganisatorische Maßnahmen nicht zu vermeiden.
(6) Erhebung der Häufigkeit, Zeitdauer, Wiederholungen
von Aufträgen.
3.2 Psychologische Tätigkeitsanalyse
Wenn die Auftragsanalyse noch keine Aussagen für konkrete
Gestaltungsempfehlungen zuläßt, kann eine Tätigkeitsanalyse
daran angeschlossen werden. Tätigkeiten setzten sich aus mehreren
(Teil-)Aufträgen zusammen, die von einer Person bearbeitet werden. Der
jeweils leistungsrelevante Teil der Tätigkeit kann durch folgende Schritte
durch Befragung der Beschäftigten ermittelt werden - d.h. hier erfolgt
eine Ermittlung des intrinsischen Gehalts von INNEN:
(1) Erfassung der Teiltätigkeiten einer Tätigkeit
durch Beobachtung.
(2) Kategoriensystem aller beobachteten Tätigkeiten
bilden.
(3) Ganzschichtbetrachtung der einzelenen Kategorien im
Zeitablauf.
3.3 Auswirkungen der Tätigkeiten und Bedingungen auf die
Beschäftigten
Über diverse Verfahren soll geprüft werden, in wie
weit sich die zuvor erhobenen Tätigkeits- und Auftragsstrukturen auf die
subjektiven Empfindungen der Beschäftigten auswirken.
3.3.1 Job Diagnostic Survey (JDS)
Dieses Verfahren von Hackman und Oldham soll wiedergeben, wie
sich Arbeistsituationen auf die Motivation der Beschäftigten auswirkt.
Ohne auf die qualitative Trennung von AZ und Unzufriedenheit einzugehen,
propagiert der JDS fünf Motivatoren:
(1) Anforderungsvielfalt.
(2) Ganzheitlichkeit der Aufgabe.
(3) Bedeutung der Aufgabe für andere.
(4) Autonomie.
(5) Feedback.
Die Beschäftigten sollen von 0 bis 7 schätzen, in
wie weit diese Merkmale bei ihnen gegeben sind. Die Motivation läßt
sich dann in einer Zahl ausdrücken:
Motivationspotential = ((1)+(2)+(3))/3 * (4) * (5)
Die additive Verknüpfung deutet an, daß nur die
ersten drei Motivatoren kompensatorisch ausgeglichen werden können.
Prämsisse für die postive Ausnutzung des Motivationspotential ist
laut JDS ein Bedürfnis nach Selbstentfaltung des Beschäftigten;
ansonsten ist er durch eine Steigerung der Motivatoren sogar eher zu
demotivieren! Leider gibt der JDS keine Auskunft darüber, WIE die
Motivatoren zu steigern sind, sondern nur, daß sie zu steigern sind.
3.3.2 Subjektive Arbeitsanalyse (SAA)
Ähnlich wie der JDS soll auch die SAA aufzeigen, wie
Beschäftigte ihre objektive Arbeitssituation wahrnehmen. Dazu werden
fünfstufige Profile erstellt, die zwischen den folgenden Extremen
schwanken:
* Fremdbestimmung versus Selbstregulation.
* Sinnlosigkeit versus Transparenz.
* Dequalifikation versus Handlungskompetenz.
* Soziale Isolation versus soziales Engagement.
3.3.3 Subjektive Tätigkeitsanalyse (STA)
Die STA will aufzeigen, daß kognitive Dissonanz nicht
mit einer Senkung der Anspruchsniveaus einhergehen muß, sondern daß
durch Bewußtmachung der Problematik innerhalb von Gruppen bei
gleichzeitigem Angebot von Qualifikationssteigerungen durch das Management eine
gleiche Leistung von höhere Effizienz zu gewinnen ist. Folgende Schritte
sind durchzuspielen:
(1) In Gruppendiskussionen werden die
Tätigkeitsdimensionen bestimmt.
(2) Pläne ausarbeiten zur Veränderung der
Tätigkeiten innerhalb der Gruppe.
(3) Qualifikationen für die Veränderung
ermitteln.
(4) Schulungsmaßnahmen initiieren.
3.3.4 Regulationserfordernisse-Analyse
Die Hypothese besagt, daß die Anforderungen, die
Beschäftigte an ihre Arbeit strellen, mit der Vollständigkeit der
Aufgabe in einem korrelativen Verhältnis liegen. Dadurch bedingt
wächst die Persönlichkeit des Beschätftigten mit der Autonomie
seiner Arbeit. In der Analyse kann nun ermittelt werden, welche
Regulationserfordernisse die Arbeit verlangt und in wie weit sie vom
Tätigkeitsträger erwünscht sind.
3.3.5 Regulationsbehinderungs-Analyse
Regulationsbehinderungen ergeben sich aus:
* Regulationshindernisse: Dazu gehören Erschwerungen und
Unterbrechungen.
* Regulationsüberforderungen (unabhängig von
Ausführenden): Z.B. Zeitdruck.
Sämtliche IST-Regulationsbehinderungn sind zu ermitteln,
um sie bei späteren Gestaltungsmaßnahmen berücksichtigen zu
können. Denn es gilt: Nichts wirkt demotivierender als ständige
Störungen.
3.3.6 Streß-Analyse
Streß wird hier als gesundheitsgefährdendes
empfundenes Ungleichgewicht bnezeichnet. Stressoren ergeben sich
hauptsächlich aus tätigkeitsimmanenten
Regultationsüberforderungen. Doch auch inhaltliche Unterforderungen (z.B.
Monotonie) können negativ auf das Bewußtsein der Beschäftigten
drücken. Die Analyse will Streßrisiken von Tätigkeiten
aufdecken, wobei sie qualitativ drei stressige Arbeitsplatztypen unterscheidet
- Stellen mit:
(1) Zeitdruck+, Arbeitsinhalt+/-, Handlungsspielräume-
=> AZ-, Depressionen+, Gereiztheit+
(2) Zeitdruck+, Arbeitsinhalt+, Handlungsspielräume+
=> AZ+, Depressionen+, Gereiztheit+
(3) Zeitdruck-, Arbeitsinhalt-, Handlungsspielräume-
=> AZ-, Depressionen-, Gereiztheit-
4. Generierung alternativer Grobkonzepte
4.1 Sinn von Alternativen
Warum ist die Generierung von alternativen Grobkonzepten zur
Lösung von in der Ist-Anylse (siehe obigen Kapitel) gefundenen Problemen
sinnvoll? Wird nur eine Lösung angeboten, besteht bereits eine implizite
Bewertung, die aber nicht transparent ist => die Akzeptanz der
Beschäftigten ggü. dieser Lösung ist nicht hoch. Daher werden
mehrere Grobkonzepte angeboten, um Partizipation sinnvoll zu ermöglichen
(auch wenn z.B. zwei von drei Grobkonzepten nur zum "Abschießen" gedacht
sind). Manager sind Architekten, die ihren Klienten, den Beschäftigten,
Gestaltunsalternativen anbieten können, damit diese ihre Zielvorstellung
in den Prozeß einbringen können, auch wenn ihnen zur Selbsterkennung
der Alternativen das Know How fehlt.
4.2 Findung von Alternativen
Wie kommt zu den Alternativen? Über
Kreativitätstechniken wie Brainstorming oder Synectics (Hineindenken in
den Problembereich, z.B. "Ich bin ein Schließmuskel, was habe ich zu
tun?"). Bei komplexen Problemen eignet sich die Methode von Galbraith: Jeweils
Methoden überlegen zur Reduzierung der Koordination (z.B. Autonomie+,
Slack+) und/oder Steigerung der Informationsverarbeitung-Kapazität (z.B.
EDV+, Teams+). Dadurch sind viele Varianten durchspielbar; der Lösungsraum
wird gut aufgespannt.
4.3 Bewertung von Alternativen
4.3.1 Rationale Bewertung
Bewertungen sind subjektiv. Jedoch können sie
Intersubjektivität (also fast Objektivität) erreichen, wenn sie
allgemein nachvollziehbar sind. Die nötigen Anforderungen dazu sind:
* Vollständigkeit der Bewertungsgrundlagen: Auch
Wirkungen abschätzen.
* Einheitlichkeit: Planer und Entscheider brauchen gleiche
Kriterien.
* Offenlegung von Zielen, Gewichten usw.
(Transparenzschaffung).
4.3.2 Bewertungsschritte
(1) Zielbestimmung (Welches Problem ist zu lösen?)
(2) Alternativen bestimmen (Reorga 1 oder Reorga 2
besser?)
(3) Relevante Kriterien bestimmen (z.B.
Störanfälligkeit).
(4) Gewichte bestimmen (nach intersubjektiven
Präferenzen).
(5) Skalen bestimmen (ordinal, kardinal, nominal?)
(6) Ermittlung (z.B. Schätzung) der
Kriterienausprägungen.
(7) Wertsynthese für Gesamtbewertung (=> Rangfolge der
Alternativen).
4.3.3 Bewertungstechnik
(1) Verbale Bewertung: Intuitive, meist nominale
Abschätzung der Kriterien-Ausprägungen. Die Wertsynthese ist hierbei
schwierig. Wenn jedoch wenig Bewertungsalternativen mit wenigen Kriterien
vorliegen, und zudem die Bewerter ungeschult sind, stellt dieses Verhahren
für eine Vorwahl bzw. globale Abschätzung die beste Alternative
dar.
(2) Kosten- und Rentabilitätsorientierte
Bewertung: Hier werden nur monetäre Größen beachtet. Durch
die Anwendung kardinaler Meßskalen fällt die Wertsynthese einfach
aus. Die Vorteilhaftigkeit von Investitionen können statisch (ohne Zinsen)
über Rentabilitäts-, Amortisations- und Gewinnvergleichsrechnungen
oder dynamisch (mit Zinsen) über Kapitalwert-, interne Zinsfuß- und
Annuitäten-Rechnung berechenet werden.
(3) Kosten-Nutzen-Analyse: Im Ggs. zu (2) werden hier
auch nicht-monetäre Nutzenfaktoren berücksichtigt. Dies verlangt aber
verschiedene Skalen, so daß die Wertsynthese mzwischen Kosten und
Leistung, und zwischen monetären und nicht-monetären Nutzen trennen
muß. Dennoch: Am Ende möchte man eine kardinale Kennzahl als
Bewertungsergebnis haben. Verfahren hierzu könnte eine Kostenanalyse sein:
Was kosten Sachmittel, was das Personal, was evtl. Fremddienste? Die Kosten
können weiter zergliedert werden in einmalige und laufende Kosten. Bei der
Wirksamkeitsanalyse ist die Erfolgsaussicht relevant, der langfristige Bedarf
und die soziale Effizienz. Die Kosten und Wirksamkeiten können in
Balkendiagrammen visualisiert werden. Es lassen sich auch
Kostenwirksamkeitsquotienten bilden, wobei darauf zu achten ist, daß
Relativzahlen nur Verhältnisse wiedergeben und keine absoluten
Maßstäbe sind (grafisch gesprochen: Nur auf die Steilheit der Kurve
kommt es letztlich an).
(4) Nutzwertanalyse: Dies ist eine Vereinfachung von
(3), da hier nur die monetären und nicht-monetären Nutzenkriterien
bewertet werden. Üblicherweise kommen hier Scoring-Modelle zum Einsatz.
Die Kriterien der Modelle können von einem Planer/Entschieder stammen, sie
können ausdiskutiert worden sein, und es kann auch ein arithmetisches
Mittel gebildet werden, wenn jeder Manager eigene Kriterien setzten darf. Ihre
einfachen Punktewertungen lassen sich z.B. verbesseren, wenn wie z.B. beim
BASYC-Verfahren von Mumford optimistische und pessimistische Scores gebildet
werden (dafür benötigt dieses Verfahren allerdings Know-How von den
Bewertern). Auch können die Merkmale hierarchisiert aufgewführt
werden, unm ihre Abhängigkeit transparent zu machen (z.B. AZ als
Hypermerkmal für Fluktuation, Krankenstand und Motivation). Auch sollte
eine gemeinsame Basis für eine Rangeinordnung einzelner Merkmale
geschaffen werden, z.B. indem jedes Merkmal in Relativität zu den anderen
betrachtet wird.
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