Erotisches bei
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Fuzzy Logic und neuronale Netze
von Daniel Schwamm (03/1994)
Aus "Heimat des Dilettantismus"
http://www.henrys.de/daniel/index.php?cmd=texte_fuzzy-logic-neuronale-netzwerke.htm
nach Bart Kosko (1993)
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Das Problem der Welt-Wissenschaft-Fehlpassung
3. Fuzzy Logic oder multivalente Logik
3.1 Entstehungsgeschichte der Fuzzy Logic
3.2 Abstufungs-Prinzip
3.3 Unscharfe Mengen-Prinzip
3.4 Das Ganze-im-Teil-Prinzip und die Teilmengigkeit
3.5 Fuzzy-logische Entropie
4. Zur Wahrheit
4.1 Kohärenztheorie
4.2 Korrespondenztheorie
4.3 Fuzzy Logic und die Wahrheitsfindung
5. Fuzzy Logic und die Wahrscheinlichkeitsrechnung
5.1 Die Bivalenz der Wahrscheinlichkeitsrechnung
5.2 Der Tod des Zufall
6. KI und Fuzzy Logic
6.1 Die mißlungene Intelligentwerdung der Computer
6.2 Das FA-Theorem der Fuzzy Logic-Systeme
6.3 KI-Vorschriften versus Fuzzy Logic-Prinzipien
7. Neuronale Netze und Fuzzy Logic
7.1 Neuronale Energietücher
7.2 Neuronale Fuzzy Logic-Regelproduzenten
1. Einführung
Seit Aristoteles vor über 2000 Jahren die Gesetze der
formalen Logik begründet hat, ist die westliche Welt dazu
übergegangen, die Wahrheit als etwas zweiwertiges (bivalentes) anzusehen:
Eine Aussage kann entweder WAHR oder NICHT-WAHR, also FALSCH sein, aber niemals
beides zusammen. Das Gesetz vom ausgeschlossenen Dritten verbietet es der
logischen Aussagen A UND NICHT-A, ein anderes Ergebnis als FALSCH
hervorzubringen. Die Philosophie und die Wissenschaft lehnen daher
Halbwahrheiten ab. Nach ihnen muß alles klar und deutlich als WAHR oder
FALSCH erkennbar sein, um ernstgenommen zu werden. Die philosophische Position
des Positivismus dominiert das Denken des Westens. Auch sie ist bivalent,
schwarz und weiß. Auch sie behauptet, daß etwas ist oder etwas
nicht ist, daß es eine klare Trennlinie für Sein oder Nicht-Sein
gibt. Ein sinnlich erfahrbares Objekt ist z.B. ein Stuhl oder kein Stuhl und
dazwischen gibt es nichts. Wenn also jemand behauptet, dieses Objekt sei ein
Stuhl UND gleichzeitig auch nicht ein Stuhl, dann wird er vom Wissenschaftler
ausgelacht und für unlogisch erklärt. Die bivalente Logik und der
bivalente Positivismus finden ihren Niederschlag in der bivalenten Informatik.
Ein Bit ist entweder gesetzt oder gelöscht, WAHR oder FALSCH, Strom an
oder Strom aus, 1 oder 0, aber niemals 0.5 oder 0.2. Der Computer versteht nur
klare, eindeutige Aussagen, mit vagen, unsicheren Aussagen der Form "WENIG
WAHR" oder "SEHR FALSCH" kann er nichts anfangen. Die Wissenschaft ebensowenig.
Der Mensch aber schon.
Im Osten der Welt prägte Buddha das Denken, wie es
Aristoteles im Westen getan hat. Er glaubte jedoch im Gegensatz zu dem Griechen
daran, daß etwas Sein und doch auch gleichzeitig Nicht-Sein kann. Ying
und Yang, die zwei extremsten Formen des Seins in der östlichen
Philosophie, befinden sich in der Welt als Ganzes in Balance. Die Welt ist also
weder nur Ying, noch nur Yang, sie ist beides zusammen, genauer: sie ist zur
Hälfte Ying und zur Hälfte Yang. Und diese Annahme prägt auch
das logische Denken - es ist vielwertig (multivalent), d.h. eine Aussage kann
nicht nur WAHR ODER FALSCH sein, sondern auch WAHR UND FALSCH, also dem
aristoteleschen Satz vom ausgeschlossenen Dritten widersprechen. WAHR UND
FALSCH heißt aber nicht, wie man in der Schwatz-Weiß-Denkart des
Westens vermuten könnte, daß eine Aussage zu 100% WAHR UND zu 100%
FALSCH sein kann. Dies wäre tatsächlich unlogisch und würde dem
gesunden Menschenverstand widersprechen. Aber sie kann durchaus zu 80% WAHR UND
zu 20% FALSCH sein. Sie kann also durchaus fuzzig (unscharf) sein.
2. Das Problem der Welt-Wissenschaft-Fehlpassung
Zenon, der große griechische Philosoph, tritt vor seine
Schüler und weist auf etwas vor ihm auf dem Tisch. "Was ist das?" fragt
er.
"Ein Haufen Sand" bekommt er als Antwort zurück.
"Richtig, das ist ein Haufen Sand", sagt Zenon lächelnd,
nimmt ein paar Sandkörner vom Haufen weg und streut dafür
Salzkörner rein. Dann fragt er erneut: "Was ist das?"
Die Schüler sind verblüfft. "Es ist immer noch ein
Haufen Sand."
Zenon entnimmt dem Haufen Sand weitere Sandkörner und
ersetzt sie durch Salzkörner. "Was ist das?" fragt er ein drittesmal.
Unsicherheit spiegelt sich in den Gesichtern der Schüler.
"Ein Haufen Sand", sagt ein Teil von ihnen. "Ein Haufen Salz", sagt ein
anderer.
Zenon wiederholt die Prozedur des Austausch von Sand durch
Salz, so daß vom ursprünglichen Sandhaufen nur noch wenig
Körner übrig sind. "Was ist das?"
"Ein Haufen Salz", behaupten nun seine Schüler.
"Richtig, das ist ein Haufen Salz. Aber wann", fragt Zenon
triumphierend, "hat der Haufen Sand aufgehört, ein Haufen Sand zu sein und
wurde zu einem Haufen Salz?"
Darauf wußte keiner seiner Schüler eine eindeutige
Antwort.
So oder so ähnlich könnte es sich zugetragen haben,
als Zenon der Ältere seinen Schülern das berühmtes
Sandhaufen-Paradoxon vorgetragen hat. Und obwohl es seit über 2000 Jahre
bekannt ist, kann bis heute niemand - nicht einmal die Wissenschaft - eine
Antwort auf Zenons letzte Frage geben. Wann hört ein Haufen Sand auf, ein
Haufen Sand zu sein, wenn man ihm ständig Sandkörner entnimmt und
durch Salzkörner ersetzt? Läßt sich ein Sandkorn bestimmen, an
dem der Wechsel vom Sandhaufen zum Nicht-Sandhaufen vollzogen wird? Nein,
sicher nicht. Der Wechsel vom Sandhaufen zum Nicht-Sandhaufen vollzieht sich
offensichtlich ganz allmählich - es gibt keine scharfe Trennlinie zwischen
Sandhaufen und Nicht-Sandhaufen. Es heißt also also nicht an einer
Stelle: Das Objekt ist ein Sandhaufen ODER ein Nicht-Sandhaufen. Sondern es
heißt kontinuierlich: Das Objekt ist zu x% ein Sandhaufen UND zu 100-x%
ein Nicht-Sandhaufen. Die Wahrheit ist nicht bivalent, sondern multivalent. Sie
ist nicht schwarz-weiß, sondern sie ist grau.
Die (positivistische) Wissenschaft ist bestrebt, Aussagen zu
treffen, die WAHR ODER FALSCH sind. Ein WAHR UND NICHT-WAHR hat sie -
Aristoteles Gesetz vom ausgeschlossenen Dritten folgend - als unzulässig
erklärt. Logisch gesehen gibt es also nichts, was einerseits WAHR ist,
anderseits aber auch gleichzeitig NICHT-WAHR sein kann. Die Wissenschaft sieht
demnach die Welt schwarz und weiß, und Grautöne ignoriert sie
einfach. Das Zenon-Paradoxon von oben zeigt uns aber, daß die Welt
sehrwohl Grautöne kennt. Mehr noch, der Großteil allen Seins ist
grau, denn nur Sonderfälle sind ausschließlich das eine, ohne auch -
und sei es noch so gering - ein bißchen das andere zu sein. So sieht die
Welt in Wahrheit aus: Männer sind männlich UND ein wenig weiblich,
also Mann UND Nicht-Mann, Pazifisten sind friedfertig UND ein wenig
kriegerisch, also Pazifisten UND Nicht-Pazifisten, Kugeln sind rund UND ein
wenig eckig, also rund UND nicht-rund, Menschen sind klein UND ein wenig
groß, also klein und nicht-klein usw. Die Wissenschaft, die die bivalente
Logik des Aristoteles zum einzige Instrument der Wahrheitsfindung erkoren hat,
sieht dagegen nur Männer ODER Frauen, Pazifisten ODER Nicht-Pazifisten,
rund ODER nicht-rund, klein ODER nicht-klein.
Das ist das Problem der Fehlpassung: Die herkömmliche
Wissenschaft ist schwarz-weiß, die Welt aber grau. Daher kann die
Wissenschaft auch bisher nur Aussagen über Sonderfälle in der Natur
treffen, ihr aber über die bivalente Logik niemals im größeren
Umfang gerecht werden.
3. Fuzzy Logic oder multivalente Logik
Im vorherigem Kapitel wurde auf die Fehlpassung ziwschen der
Welt und der herkömmlichen Wissenschaft hingewiesen, die auf die bivalente
Logik des Aristoteles zurückzuführen ist, die nur 100%ig WAHR und
100%ig FALSCH als Wahrheitswerte anerkennt. Wie wir gesehen haben, dominieren
in der Welt jedoch Grautöne, die mit "WENIG WAHR", "SEHR WAHR", "FAST
NICHT WAHR" oder ähnlichen linguistischen Ausdrücken beschrieben
werden müssen, wie dies der Mensch beim Gebrauch der natürlichen
Sprache auch schon immer getan hat. Nötig ist also eine Logik, die nicht
nur zwei, sondern viele - unter Umständen unendlich viele - Wahrheitswerte
kennt. Eine solche multivalente Logik gibt es seit einiger Zeit: die Fuzzy
Logic. Sie erlaubt im Gegensatz zur bivalenten Logik Operationen mit unscharfen
Mengen, womit sie dem menschlichen Denken wesentlich näher rückt.
Doch bevor wir näher auf sie eingehen, wenden wir uns zunächst einmal
ihrer Enstehungsgeschichte zu.
3.1 Entstehungsgeschichte der Fuzzy Logic
Vor fast 3000 Jahren erkennte Buddha, daß alle Dinge
zwei Seiten in sich vereinbaren. Das Gute trägt auch stets das Böse
in sich, das Weiche stets auch das Harte, das Unlebendige stets auch das
Lebendige und das Sein stets auch das Nichtsein. Es gibt kleine klare
Trennlinie zwischen den Dingen. Werden solche künstlich geschaffen - etwa
durch Sprache oder mathematische Definitionen - so werden die
Verschränkungen der beiden Seiten in jedem Ding leicht übersehen.
Buddha sagt daher nicht: "Der Geist denkt Gedanken über Dinge", was eine
einseitige und in diesem Falle unnatürliche Aussage wäre, sondern er
sagt: "Der Nichtgeist nichtdenkt Nichtgedanken über Nichtdinge."
Laotse griff die Ideen Buddhas auf und schuf das
Ying-Yang-Prinzip des Taoismus, das besagt, daß sich die Welt im
Gleichgewicht zwischen zwei extremen Polen befindet, sie also beide
gleichzeitig in sich vereint. Somit ist jedes Ding gleichzeitig auch
Nicht-Ding. Ein Stock ist z.B. auch ein Nicht-Stock, was man daran erkennen
kann, daß man ihn immer weiter zerbrechen kann, ohne daß er dadurch
irgendwann einseitig zum Stock oder Nicht-Stock wird. Ying und Yang befinden
sich auch in Balance bei den Aussagen: "Das Glas ist halbvoll" und "Das Glas
ist halbleer".
Der griechische Philosoph Heraklit erkannte, daß es kein
Absolutum gibt, daß sich alles in ewiger Veränderung befindet.
"Alles fließt", wie er sich ausdrückte, "nur die Veränderung
ist ewig".
Demokrit dagegen behauptete mit dem Atomismus zwei eindeutige
Zustände der Welt: Alles Sein besteht aus Atomen, alles Nicht-Sein aus
nichts, und Zwischenstufen existieren nicht.
Aristoteles verfeinerte den Atomismus durch die Logik auch auf
sprachliche Aussagen. Eine Aussage kann nach ihm nur 100%ig WAHR ODER 100%ig
FALSCH sein, niemals aber zu x% WAHR UND zu 100-x% FALSCH. Dies besagt das von
ihm geschaffenen, oder besser: behauptete Gesetz des ausgeschlossenen Dritten.
In den folgenden Jahrhunderten galt die bivalente Logik als einzige legitime
Methode, um mathematische und naturwissenschaftliche Theorien logisch beweisen
zu können.
Zenon der Ältere wollte diese Logik nicht so akzeptieren
und er schuf Sorites-Paradoxien, die durch nicht klar ziehbare Trennlinie
entstehen, um auf seine Mängel hinzuweisen, z.B. das oben beschriebene
Sandhaufen-Paradoxon oder auch das Inzezt-Paradoxon, bei dem die Frage gestellt
wird, ab wann Inzezt zu Inzest wird: Wenn man die Beine der Mutter
berührt? Oder erst, wenn man intimere Stellen berührt? Die Gelehrte
nach Zenon räumten diese Paradoxien nicht etwa aus, sondern
verdrängten sie, in der optimistischen Annahme, sie würde früher
oder später schon gelöst werden. Doch dies geschah nie.
Etliche Jahrhundert nach Zenon kamen bei Russell erneut
Zweifel an der Richtigkeit der bivalenten Logik auf. Er schuf dazu das
Barbier-Paradoxon. Ein Barbier behauptet hier: "Alle Männer der Stadt, die
sich nicht selbst rasieren, werden von mir rasiert." Frage: Wer rasiert den
Babier? Diese Frage ist logisch nicht zu beantworten, denn wenn der Babier sich
selbst rasiert, dürfte er dies nach seinem Schild nicht tun, wenn er sich
aber nicht rasiert, dann müßte er es nach seinem Schild tun - nur so
kann die Aussage des Schildes WAHR werden. Aber Russels Kritik an der Logik
verunsicherte die Gelehrten nur, ließen sie die bivalente Logik aber
nicht definitiv in Frage stellen. Allerdings schlug Russel erstmals vor, wie
man das Paradoxon aus dem Weg räumen könnte: Man mußte dazu nur
Aristoteles Gesetz vom ausgeschlossenem Dritten aufgeben, also A UND NICHT-A
zulassen.
Im 20. Jahrhundert wies die Unschärferelation Heisenbergs
daraufhin, daß der Naturwissenschaft natürliche Grenzen gegeben
waren, die verhinderten, daß Dinge in eindeutiger Weise definiert werden.
So ist es z.B. nicht möglich, den Ort und die Geschwindigkeit eines
Elementarteilchens gleichzeitig festzustellen. Daraus resultierte eine
dreiwertige Logik: Ein Teilchen ist existent, ist unbestimmt oder
nicht-existent, ist also WAHR, UNBESTIMMT oder FALSCH. Der große Traum
der Wissenschaft, die Welt in eindeutiger Weise zu beschreiben, war
ausgeträumt.
Lukasicwicz ging noch einen Schritt weiter. Er zerhackte den
UNBESTIMMT-Wahrheitswert Heisenbergs und schuf so ein Kontinuum von 0 bis 1, in
dem sich ein beliebiger Wahrheitswert befinden darf. Die multivalente Logik war
geboren.
Weiter ausgebaut wurde die multivalente Logik von Max Black,
der sie im Zusammenhang mit der Informationstheorie einsetzte. Allerings sprach
er noch von vager Logik.
Den Begriff Fuzzy Logic schuf schließlich der
persisch-amerikanische Ingenieur Lotfi Zadeh. Sein Verdienst ist es, daß
diese neue Form der Logik, die die bivalenten Wahrheitswerte WAHR und FALSCH
nur als Grenzwerte beinhaltete, so populär wurde. Allerings nicht an den
Universitäten, sondern zuerst und vor allem in der Wirtschaft. Die
Informatiker konnten und können sich vermutlich nur schwer damit abfinden,
daß das digitale Prinzip, das man gerade mühsam allgemein
durchgesetzt hatte, nun wieder zum analogen Prinzip werden soll, denn die
multivalenten Logik fordert nicht nur Bits mit zwei Wahrheitswerten, sondern
Fips mit unendlich vielen.
Das es heute bereits viele Fuzzy Logic-Produkte gibt, die die
herkömmlichen KI-Ergebnisse bei weitem übertreffen, ist v.a. den
Japanern zu verdanken, deren Philosophie - durch Buddha geprägt - die
multivalenten Logik viel eher akzeptieren kann, als dies dem aristotelisch
geprägtem Westen möglich ist. 1989 schufen in Japan sogar 48 Firmen
das Forschungszentrum LIFE, um die Fuzzy Logic auf Anwendungsmöglichkeiten
hin zu analysieren. Der Westen hinkt dazu im Vergleich - wieder einmal - weit,
weit hinterher.
3.2 Abstufungs-Prinzip
Wie im Abschnitt 5.1 beschrieben wurde, kann eine Aussage bei
der Fuzzy Logic unendlich viele Wahrheitswerte zwischen 0 und 1 annehmen.
I.d.R. werden diese unendlich vielen Wahrheitswerte in der Praxis auf mehr als
zwei diskrete Werte beschränkt. Üblich ist es z.B., die
Wahrheitswerte ähnlich wie bei der Wahrscheinlichkeitsrechnung in
Prozentwerten anzugeben, also von 80% WAHR, 20% WAHR usw. zu sprechen. Um den
Logikempfinden des Menschen nahezukommen, kann auch eine linguistische Stufung
vorgenommen werden, z.B. WAHR, VIEL WAHR, HALBWAHR, WENIG WAHR und FALSCH. Und
falls es nötig sein sollte, kann auch wieder die gewohnte bivalente
WAHR-FALSCH-Stufung eingesetzt werden.
3.3 Unscharfe Mengen-Prinzip
Fuzzy Logic ermöglicht es mit unscharfen Mengen zu
operieren. Bei einer mathematischen - scharfen - Menge, sind alle Elemente voll
oder gar nicht enthalten. Zwei solcher scharfen Menge kann man z.B. bilden,
indem man Menschen fragt, ob sie männlich oder weiblich sind. Selten
lassen sich jedoch Elemente so eindeutig einer Menge zuordnen wie in diesem
Fall. Die Fragen: "Wer ist mit seinem Job zufrieden?" und "Wer ist mit seinem
Job nicht zufrieden?" wird vermutlich zwei Mengen hervorbringen, die gemeinsame
Elemente haben, denn Menschen sind häufig mit ihrem Job zufrieden UND auch
nicht zufrieden, daher können sie sich nicht eindeutig, also zu 100%,
für eine der beiden Mengen entscheiden. Dies erlebt man ebenso in
Schulklassen, wenn man fragt: "Wer weiß die Antwort auf die Frage?" Oft
versuchen Schüler dann diesen Zwiespalt dadurch zu lösen, daß
sie sich nicht richtig melden, sondern den Arm nur ein wenig anheben. Jeder
kann selbt testen, daß Fragen alleine mit "Ja" und "Nein" zu beantworten
schwerer ist, als wenn man partielle Antworten wie "fast richtig", "völlig
falsch", "jain" usw. geben darf.
3.4 Das Ganze-im-Teil-Prinzip und die Teilmengigkeit
Weiß man, daß ein Element einer unscharfen Menge
nur zum Teil darin enthalten ist, dann weiß man auch, in wie weit die
ganze Menge im Teil enthalten ist. Dies läßt sich mathematisch
konkretisieren: Ist das Element x in der unscharfen Menge X zu y% enthalten,
dann weiß man auch, daß die unscharfe Menge X zu y% in x enthalten
ist. Dieser Tatbestand liest sich zwar ähnlich wie eine
Wahrscheinlichkeitsrechnung und tatsächlich werden auch die gleichen
Rechenmethoden und -mittel angewendet, jedoch ist die Aussage letztlich eine
ganz andere: es wird hier nicht behauptet, daß sich Element x zu y%
Wahrscheinlichkeit ganz in X aufhält, sondern das sich x zu 100%
Wahrscheinlichkeit mit y% in X aufhält. Es geht hier also um eine
Teilmengigkeit und nicht um ein wahrscheinlichkeitsbedingtes Enthaltensein. Die
Wahrscheinlichkeitsrechnung würde das Ganze-im-Teil-Prinzip im
übrigen auch gar nicht zulassen, denn wie sollte die unscharfe Menge X mit
einer Wahrscheinlichkeit von y% ganz in x enthalten sein können?
3.5 Fuzzy-logische Entropie
Eine Entropie gibt den Grad der Unsicherheit oder Unordnung in
einem System an. Herkömmliche binäre Systeme verleugnen diese
Unsicherheit, in dem sie Ereignisse auf- bzw. abrunden, so daß sie
zwischen zwei eindeutigen Zuständen wählen können. Das
Vereinfacht die Realitär, geht aber auf Kosten ihrer Genauigkeit. Die
Fuzzy Logic erlaubt es, die Unsicherheit oder die Unschärfe einer Menge zu
messen, also den Grad, in wie weit sie von einem sicheren Zustand entfernt ist.
Nehmen wir dazu als Beispiel eine Menge von drei Menschen: Wenn diese sich
exakt zwischen "Ja" oder "Nein" entscheiden sollen, gibt es 2^3=8 verschiedene
Möglichkeiten für die Werte der Dreiermenge: 000, 001, 010, 011, 100,
101, 110 und 111. Grafisch kann man sich dazu einen dreidimensionalen
Würfel vorstellen, dessen 8 Kanten jeweils eine scharfe Ausprägung
der Dreiermenge wiedergeben.
Gestattet es man nun der Gruppe, nicht nur zwischen "Ja" oder
"Nein" zu wählen, sondern "Ja" mit x% anzugeben, dann füllt sich das
Innere des oben aufgespannten Würfels mit unscharfen Elementwerten.
Möchte man nun die Entropie eines inneren Punktes messen, kann man nach
Bart Kosko folgende Formel einsetzen:
Strecke vom Punkt zur nächsten Ecke
fuzzy-logische Entropie = ------------------------------------ %
Strecke vom Punkt zur weitesten Ecke
Mathematisch für eine unscharfe Menge A
ausgedrückt:
A UND NICHT-A
E(A) = --------------
A ODER NICHT-A
4. Zur Wahrheit
Was ist Wahrheit? Donald Davidson antwortete darauf: Wahr oder
falsch gibt es nur für Gegenstände oder Ereignisse, weil es denkenden
Kreaturen wie den Menschen gibt. Außerdem reduzierte die Philosophie die
Wahrheit weiter auf die Sprache. machte sie zu einem alleinigen Problem der
Sprache. Man kann jeder sprachlichen Aussage eine 1 oder eine 0 zuweisen, je
nachdem, ob sie WAHR oder FALSCH ist. Doch diese Auffassung ist wieder
bivalent, kann also (vermutlich) nur begrenzte Gültigkeit für sich
beanspruchen. Sehen wir uns dazu zwei verschiedene Wahrheitsbegriffe an.
4.1 Kohärenztheorie
In Kohärenztheorien wird mit einem logischen
Wahrheitsbegriff gearbeitet. Wahr ist hier etwas, wenn es kohärent, also
zusammenhängend, zum Ganzen ist, wenn es sich also aus irgendwelchen
Axionen herleiten läßt. Alle formalen Systeme (z.B. die Mathematik)
sind Kohärenzsysteme. Ihre logischen Wahrheitsbegriffe benötigen
keinerlei Korrespondenz zur Realität und sie müssen nicht
interpretiert werden, aber sie müssen innerhalb des Systems konsistent
sein.
4.2 Korrespondenztheorie
In Korrespondenztheorien wird mit einem faktischen
Wahrheitsbegriff gearbeitet. Hier ist eine Ausage dann und nur dann WAHR, wenn
sie mit den Tatsachen übereinstimmt. Der faktische Wahrheitsbegriff
korrespondiert also mit der Raumzeit, was bedeutet, daß er sich unter
Umständen ändern kann. Z.B. ist die Aussage "Die Erde dreht sich" nur
WAHR, falls die Erde sich tatsächlich dreht.
4.3 Fuzzy Logic und die Wahrheitsfindung
Die oben beschriebenen Wahrheitsbegriffe sind beide bivalent,
d.h. entweder 100%ig WAHR oder 100%ig FALSCH. Auch wenn der faktische und der
logische Wahrheitswert dieselbe Aussage beurteilen, müssen sie nicht
übereinstimmen. Kant jedoch glaubte, daß es einen idealisierten
Wahrheitsbegriff gibt, der logisch wie faktisch stets den selben bivalenten
Wahrheitswert trägt. Dazu müßte der Mensch Kraft der a-priori
vorhandenen Ideen in der menschlichen Vernunft ein formales System erschaffen
(wie z.B. die Mathematik). Die Positivisten verwarfen diese Vorstellung wieder,
denn für sie existieren keine Verbindungen zwischen Geist und Materie.
Für sie zählt alleine der faktische Wahrheitsbegriff: eine Aussage
ist WAHR, wenn sie mit den Tatsachen übereinstimmt, ansonsten ist sie
FALSCH. Wie bereits erwähnt reduzierten die Positivisten, allen voran
Carnap, die Wahrheit schließlich auf das Studium von Worten. Hier bekamen
sie Problemen, denn wie soll man z.B. die Aussage "Gras ist grün"
beurteilen? WAHR wäre positivistisch gesehen nicht zulässig, denn
nebem grünen Gras existiert auch braunes oder schwarzes - Gras ist eine
unscharfe Menge. Die Aussage ist also FALSCH, genauso wie auch alle anderen
Aussagen mit unscharfen Mengen FALSCH wären. Doch da diese wie oben
gezeigt eindeutig in der Natur dominieren, endet der strenge Positivismus
unweigerlich im Nihilismus. Auch der Versuch, sich durch Prozentangaben aus der
Klemme zu helfen, muß scheitern. "Gras ist zu 90% grün" ist WAHR
bedeutet, daß Gras mit einer 90%igen Wahrscheinlichkeit ganz grün
ist - aber ganz grün ist natürliches Gras nie, daher ist im
positivistischen Sinne ein WAHR hier wieder nicht möglich.
Wenden wir dagegen die Fuzzy Logic an, haben wir keine
Probleme. Auch hier wird der faktische Wahrheitsbegriff eingesetzt. Jedoch gibt
es diesmal keine klare Trennung zwischen WAHR und FALSCH, denn der
fuzzy-logische Wahrheitsbegriff ist nicht bivalent, sondern multivalent. Wenn
wir also die Aussage "Gras ist grün" hören, können wir sie
fuzzy-logisch mit z.B. 90% WAHR beantworten. Ein anderer könnte antworten:
zu 85% WAHR. Wieder ein anderer: zu 93% WAHR. Jeder könnte den
Wahrheitswert nennen, der seinem eigenem Gefühl und seiner eigenen
positivistischem Erfahrung entspricht, ohne dabei zu einer unnatürlichen
Auf- und Abrundung gezwungen zu sein. Als Endergebnis könnte man den
Mittelwert aller Wahrheitswerte nehmen. Das ist dann zwar kein objektiver,
dafür aber ein intersubjektiver und demokratisch ermittelter Wert für
die Wahrheit einer Aussage, der sicher mehr Akzeptanz findet, als ein
dogmatisches WAHR oder FALSCH.
5. Fuzzy Logic und die Wahrscheinlichkeitsrechnung
5.1 Die Bivalenz der Wahrscheinlichkeitsrechnung
Oft hört man von Kritikern der Fuzzy Logic, sie sei
nichts anderes als Wahrscheinlichkeitsrechnung in neuem Gewand. Doch dies
trifft nicht zu. Einzig die Formeln, die Mathematik der Fuzzy Logic ähnelt
der der Wahrscheinlichkeitsrechnung sehr, will aber letztlich etwas ganz
anderes beweisen. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung ist wie die herkömmliche
Logik bivalent. In ihren Mengen geht es um Elemente, die entweder ganz oder gar
nicht, nie aber nur zum Teil enthalten sind. Daran ändern auch
Wahrscheinlichkeitsangaben nichts. Dazu ein Beispiel:
Bei der Wahrscheinlichkeitsrechnung werden stets Annahmen
aufgestellt, die die Realität vereinfachen, z.B. soll es fair zugehen. Es
wird dann gesagt: Auf einem Parkplatz stehen 100 Parkplätze zur
Verfügung, d.h. das gerade eben parkende Auto wird mit einer
Wahrscheinlichkeit von (100/100)% auf einen bestimmten Parkplatz stehen
bleiben, d.h. das das nächste Auto wird mit einer Wahrscheinlichkeit von
(100/99)% auf einem bestimmten Parkplatz stehen bleiben usw. Am Ende ist nur
noch ein Parkplatz frei; kommt jetzt noch ein Auto, dann wird es zu (100/1)%
dort parken.
Nach obigem Muster befinden sich zuletzt 100 Fahrzeuge auf
genau 100 Parkplätzen. Doch entspricht dies der Realität? Läuft
man über einen beliebigen Parkplatz, wird man ein ganz anderes Bild zu
sehen bekommen: Parkplätze sind nur halbbelegt, so daß sich drei
Autos zwei Parkplätze teilen, breite Fahrzeuge belegen nicht nur einen,
sondern zwei Parkplätze usw. Es ist unwahrscheinlich, daß auf einem
realen Parkplatz die Anzahl der belegten Plätze mit denen der Fahrzeuge
genau übereinstimmt.
Selbst wenn man nun versuchen sollte, die
Wahrscheinlichkeitsrechnung zu bemühen, daß ein Fahrzeug nicht nur
auf einem Parkplatz, sondern zwei steht, trifft man den realen Tatverhalt
nicht. Denn "das Auto steht zu 30% auf Parkplatz A und zu 70% auf Parkplatz B"
heißt ja nur, daß das Fahrzeug mit einer Wahrscheinlichkeit von 30%
auf Parkplatz A bzw. 70% auf Parkplatz B steht, also entweder oder und voll und
ganz. Die Fuzzy Logic erlaubt dagegen die abgestufte Teilhaftigkeit, hier
wäre "das Fahrzeug steht auf Parkplatz A" zu 30% WAHR und "das Fahrzeug
steht auf Platz B" zu 70% WAHR, der tatsächliche Tatbestand wiedergegeben,
der Wahrheitswert also faktisch korrekt.
Fassen wir nocheinmal zusammen:
* Die Wahrscheinlichkeitsrechnung beschreibt, ob
zufällige Ereignisse ganz oder gar nicht stattfinden.
* Die Fuzzigkeit beschreibt, bis zu welchem Grad Ereignisse
stattfinden.
5.2 Der Tod des Zufall
Einstein war maßgeblich an der Entwicklung der
Quantenmechanik beteiligt. Nach dieser Theorie herrschen im Mikrokosmos der
Elementarteilchen die Gesetze der Wahrscheinlichkeitsrechnung, d.h. es kann
nicht genau bestimmt werden, wo sich ein Teilchen befindet, sondern es kann nur
bis zu einem gewissen Grad vermutet werden, daß es sich dort befindet.
Atombewegungen sind zufällig und können daher nur durch
Wahrscheinlichkeiten eingegrenzt werden. Da nun aber das gesamte Makrokosmos
auf dem Mikrokosmos aufsitzt, hält der Zufall auch hierherein Einzug.
Einstein gefiel diese Vorstellung nicht, daher distanzierte er sich später
von der Quantenmechanik. "Gott würfelt nicht", erklärte er dazu.
Man kann sich tatsächlich Fragen: Gibt es soetwas wie
Zufall? Oder ist doch letzlich alles auf deterministische Zusammenhänge,
auf Kausalitäten, zurückzuführen? Konrad Lorenz dachte, nur
Ereignisse, zwischen denen ein Energieübertrag stattgefunden hat,
können kausal zusammenhängen, d.h. der Zufall ist in der Welt
durchaus vorhanden. Doch möglicherweise erliegt hier Lorenz wie auch die
meisten anderen einem eingeborenem Instinkt, den man den
Wahrscheinlichkeitsinstinkt nennen könnte. Es bringt dem Menschen
zweifellos große biologisch-selektive Vorteile, wenn er in der Lage ist,
zukünftige Ereignisse im Voraus vermuten zu können. Ein dem Zeitstrom
unterworfenes Wesen kann sich mittels eines Wahrscheinlichkeitsinstinkt
wesentlich besser auf Probleme einstellen, die sein Überleben
gefährden, als ein Wesen, das diesen Instinkt nicht besitzt. Doch
angeborenen Ideen wie der Wahrscheinlichkeitsinstinkt müssen die Tatsachen
nicht wiedergeben, um effektiv zu sein. Man denke dazu an den menschlichen
Rauminstinkt: auch er gauckelt uns verschiedene Höhen und Längen von
einunddenselben Strecken vor, um uns davor zurückzuhalten, irgendwo
hinunterzuspringen.
Wir postulieren also einen Wahrscheinlichkeitsinstinkt, der
uns den Zufall als gegeben annehmen läßt, der uns aber gleichzeitig
hilft, diesen Zufall in gewissem Grad berechenbar zu machen. Wie erwähnt,
ist die Existenz für einen solchen Wahrscheinlichkeitsinstinkt kein Grund,
daß es in der Realität tatsächlich soetwas wie Zufall gibt. Wir
behaupten sogar, es gibt ihn nicht. Um es mit David Hume zu sagen: der Zufall
ist nur ein Glaube aufgrund unserer Unkenntnis von den wirklichen Ursachen
eines Ereignisses. Zwar scheinen einige Dinge tatsächlich rein
Zufällig zu geschehen, doch letztlich lassen sie sich immer auf
irgendwelche Ursachen zurückführen, die sich ihrerseits auf Ursachen
zurückführen alssen usw. Diese Ursachenfindung ist nur so aufwendig,
so vielfältig, daß der Mensch dazu nicht in der Lage ist - selbst
unter Einsatz modernster Technik nicht. Dies hat auch die Chaostheorie erkannt,
die ebenfalls von einem deteministischen Universum ausgeht und nicht von einem
zufälligem.
Um nocheinmal zu verdeutlichen, daß es keines Zufalls
bedarf, um Ereignisse zu erklären, kann man sich einen Film vorstellen,
der einen Apfel an einem Baum zeigt. Nun sagt der Wahrscheinlichkeitsinstinkt:
Es ist zu erwarten, daß dieser Apfel mit x% Wahrscheinlichkeit vom Baum
fällt. Und tatsächlich: Minuten später fällt der Apfel
plötzlich und - offenbar - zufällig vom Baum herunter und landet im
Gras. Nun stelle man sich vor, wie dieser Film rückwärtsläuft:
der Apfel springt aus dem Gras an den Baum zurück und bleibt dort
hängen. Hier ist der Zufall nicht mehr zu sehen, die Wahrscheinlichkeit
verschwunden, denn der Apfel ist vorher nicht wahrscheinlich, sondern definitv
heruntergefallen, was man nun zurückverfolgen kann. Bei mehrmaligem
Betrachten erkennt man vielleicht sogar den Grund dafür, daß der
Apfel vom Baum fiel, z.B. weil Wind aufgekommen war.
Wahrscheinlichkeiten und damit Zufall kennt nur ein Wesen, das
vorwärts in die Zeit blickt. Könnte es rückwärtsblicken,
würde es nur eine Kette von Kausalitäten erkennen. Viele Formeln, die
die Arbeitsweise des Universums annäherungsweise wiedergeben, gelten
vorwärts wie rückwärts in der Zeit, sind also unabhängig
von Wahrscheinlichkeiten und Zufall. Der Zufall ist kein Faktum der Natur,
sondern bloß eine Illusion des vorwärtsdenkenden Menschen. Aber ist
es nicht so, daß die Gesetze der Quantenmechanik auf der
Wahrscheinlichkeit basieren? Ist die Quantenmechanik also unzutreffend? Nicht
unbedingt, denn die Wahrscheinlichkeiten lassen sich auch über die
Teilmengigkeit von unscharfen Mengen darstellen, und diese kommen völlig
ohne Zufall aus. Gleichzeit wird die Quantenmechanik dadurch erweitert,
daß sie mit Hilfe der Fuzzy Logic auch nicht von nur zwei Zuständen
ausgehen muß - ein Elementarteilchen existiert oder exitiert nicht -,
sondern sagen kann: ein Elementarteilchen existiert zu x%. Das in subatomarer
Ebene auch noch Teilmengigkeit möglich ist, hat uns die Spaltung der Atome
bewiesen. Es ist zu erwarten, daß auch die Quarks irgendwann weiter
geteilt werden können. D.h. die Welt wird auch in den kleinsten
Dimensionen nie schwarz-weiß werden, sondern bleibt immer grau - grau wie
die Fuzzy Logic.
6. KI und Fuzzy Logic
6.1 Die mißlungene Intelligentwerdung der Computer
Vor 30 Jahren sagte die Forscher der Künstlichen
Intelligenz eine glänzende Zukunft voraus. Zukunftsvisionen von
hyperintelligenten Robotern machten die Runde. Die Menschheit richtete sich
darauf ein, daß in naher Zukunft die Maschinen das Denken übernehmen
würden. Doch was ist von all diesen Erwartungen geblieben? Nichts, die KI
hat nicht auch nur ein einziges, hlabwegs intelligentes System hervorgebracht,
außer auf Gebieten, die mathematisch zu bearbeiten sind, wie z.B. Schach.
Die vieldiskutierten Expertensysteme verpufften zur
Beinahe-Bedeutungslosigkeit. Computer stehen in jedem Büro, doch das
Denken nehmen sie einem noch lange nicht ab. Was ist passiert? Warum haben sich
die Hoffnungen der KI-Forscher nicht erfüllt?
Die KI-Forscher sagen: bisher waren die Ergebnisse
entäuschend, da die Computer noch nicht genügend Kapazität
besitzen, um alle bivalenten Wenn-dann-Regeln der Experten aufnehmen zu
können. Derzeit kann ein XPS ca. 1000 Regeln bearbeiten, ein System
müßte aber aus über 100000 Regeln Schlüsse ziehen, um
intelligent zu sein. Es ist jeoch nur eine Frage der Zeit, bis dieses Ziel
erreicht wird.
Die Fuzzy Logic-Forscher sagen: Falsch, ihr braucht nicht mehr
bivalente Wenn-dann-Regeln, sondern nur multivalente Wenn x% A-dann y% B-Regeln
einzusetzen. Mit Hilfe einer einzigen multivalenten Regel kann man etliche
bivalente Regeln ersetzten. Aus diesem Grund benötigen Fuzzy Logic-Systeme
vergleichsweise wenige Regeln, um intelligent und menschenmäßig zu
agieren. Sie sind auch wesentlich einfacher zu Programmieren, da sie ohne ein
matematisches Modell auskommen. Und darüber hinaus sind sie auch
flexibler: der Wenn-Teil muß nicht 100%ig erfüllt sein, damit die
Regel feuert, sondern nur zu einem beliebig kleinen Prozentsatz. Ändert
sich also eine Regel im Laufe der Zeit geringfügig, wird sie in Fuzzy
Logik-Systemen noch immer berücksichtigt, während sie in KI-Systemen
zum nutzlosen Ballast wird.
6.2 Das FA-Theorem der Fuzzy Logic-Systeme
Fuzzy Logic-Systeme arbeiten nach dem FA-Theorem (Fuzzy
Aproximate Theorem), welches besagt, daß jede Kurvenfunktion, die z.B.
ein natürliches Verhalten von irgendetwas wiederspiegelt, mit Hilfe
endlich vieler fuzziger, sich selbst überlappender "Flecken"
überdeckt werden kann. Solche Flecken werden in Fuzzy Logic-Systemen mit
Hilfe einfacher Wenn-dann-Regeln repräsentiert, die bei unscharfen Input
unscharfen Output produzieren können. D.h. die Fuzzy Logic-Systeme
versuchen nicht die Kurvenfunktion mathematisch exakt zu bestimmen, sondern sie
nur ungefähr zu approximieren. Dabeoi wird die Annäherung absichtlich
nicht zu weit getrieben, so daß die Kette der FAT-Flecken auch noch
dynamische Funktionen erfassen können. Auf diese Weise können
äußerst komplizierte Vorgänge in der Natur, deren exakte
Funktion aufgrund der meist üblichen Linearitärt der Mathematik kaum
herauszubekommen ist, auf relativ einfache Weise "erschlagen" werden. Auch
Menschen gehen auf diese Weise vor, wenn sie zukünftige Ereignisse auf
annähernd funktionelle Weise bestimmen wollen.
Dem Japaner Sugenon des LIFE-Forschungsinstituts gelang es,
mit fuzzy-logischen Regeln eine äußerst komplizierte Funktion in den
Griff zu bekommen, die das Flugverhalten eines Hubschraubers mit nur einem
Rotorblatt wiedergibt. Es gibt keinen Menschen und erst recht kein KI-System,
was einen solchen Hubschrauber fliegen könnte. Aber das Fuzzy Logic-System
Sugenons gelingt dies mit Leichtigkeit, obwohl es dazu nur lächerliche 100
fuzzy-logische Regeln benötigt.
6.3 KI-Vorschriften versus Fuzzy Logic-Prinzipien
Um zu demonstrieren, wie es sein kann, das ein Fuzzy
Logic-System so viel weniger Regeln benötigt als ein KI-System, kann man
sich sich den Unterschied zwischen den Vorschriften und den Prinzipien im
Rechtssystem klarmachen. Ein KI-System arbeitet mit Vorschriften, die in eigen
Fällen greifen, und zwar genau dann, wenn exakt ihr Wenn-Teil erfüllt
wurde. Um alle möglichen Wenn-Fälle anzudecken, muß es eine
sehr große Anzahl von Vorschriften geben. Die Komplexität des
Vorschriftensystems expandiert noch dadurch, daß Vorschriften häufig
Änderungen erfahren (im Gegensatz zu den ihnen zugrundeliegenden
Prinzipien), daß z.B. Falschparken in der Innenstadt irgendwann 15 DM,
statt wie bisher 10 DM kostet.
Die Fuzzy Logic verzichtet auf eindeutige Wenn-dann-Regel,
genauso wie sie nicht wartet, bis ein Fall einen Wenn-Teil zu 100%
erfüllt. Fuzzy Logic-systeme arbeiten mit relativ wenigen Prinzipien, aus
denen die Vorschriften abgeletetet werden können. Ein solches Prinzip ist
im Rechtssystem z.B. "Vor dem Gesetz sind alle gleich". Im Gegensatz zu
Vorschriften, greifen bei beliebigen Fällen alle Prinzipien, zumindestens
zu einem bestimmten Teil. Fuzzy Logic-Systeme summieren einfach den Output der
Wenn-dann-Regel-Anteile und erhalten nach einer Entfuzziierung einen
gemittelten Output zurück.
Wir fassen zusammen: KI-Systeme arbeiten mit vielen,
veränderlichen und eindeutigen Wenn-dann-Vorschriften, die nur bei ebenso
eindeutigen Mengen greifen, während Fuzzy Logic-Systeme mit wenigen,
relativ konstanten und gewichtenden Wenn-dann-Prinzipien arbeiten, die alle bei
unscharfen Mengen bis zu einem gewissen Grad greifen.
7. Neuronale Netze und Fuzzy Logic
7.1 Neuronale Energietücher
Neuronale Netze simulieren die Arbeitsweise des Gehirns. Die
Neuronen sind dabei Bausteine, die Strom speichern können und erst ab
einer gewissen Spannung zu feuern beginn, d.h. sie arbeiten nach dem
Alles-oder-Nichts-Prinzip. Jedes Neuron ist vernetzt mit vielen anderen
Neuronen. Wenn ein Neuron feuert, gibt es seine Stromstärke an die anderen
angeschlossenen Neuronen weiter, die dann evtl. ebenfalls feuern. Da Neuronale
Netze i.d.R. rückkoppelnd arbeiten, kann es einen Weile dauern, bis das
Neuronale Netz nach einem Input einen stabilen Zustand eingenommen hat. Ein
solcher stabiler Zustand stellt ein gelerntes Faktum dar.
Stellt man sich das Neuronale Netz als ein Energietuch vor,
dann gräbt ein gelernter Zustand einen Graben in das Tuch hinein. Erfolg
der gleiche Input nochmal, erfährt das Loch eine weitere Vertiefung.
Erfolgen dagegen ständig andere Inputs, dann kann es passieren, daß
der Graben im Energietuch allmählich verwischt, weil er durch andere
Gräben von neu Gelerntem in der Nähe überdeckt wird - das
Neuronale Netz beginnt dadurch, das gelernte Faktum zu vergessen. Man kann sich
das ähnlich vorstellen, wie bei einem Rasen, in dem man ein Wort
reingemäht hat: wird das Wort nicht regelmäßig nachgemäht,
dann wird es irgenmdwann verblaßt sein.
Ein in ein Neuronales Netz eingespeister Input - i.d.R. die
gleichzeitige Aktivierung einiger Neuronen - wirkt wie ein Ball, der an einer
bestimmten Stelle auf das Energietuch fällt und sofort in den
nächsten Graben zu rollen beginnt. D.h. der Input muß nicht jedesmal
alle Gräben durchsuchen, bis er den richtigen gelernten Output-Graben
findet. Beim Menschen funktioniert dies genauso: man erinnert sich z.B. an das
Bild der Eltern immer gleich schnell, auch wenn man im Laufe seines Lebens
tausende von Gesichern im Gedächnis gespeichert hat. Auch das Vergessen
funktioniert beim Menschen ähnlich: fehlt der Input, dann werden die
Synapsen zwischen den Neuronen gekappt. Denkt man ständig den gleichen
Input, dann sorgen Myelinscheiden dafür, daß die ursprünglich
dünnen Neuronenbahnen zu den reinsten "Autobahnen" werden.
Ein Neuronales Netz kann genau dann auf einen bestimmten Input
einen bestimmten Output liefern, wenn es diesen Output zuvor gelernt hat.
Gelernt heißt, daß das Neuronale Netz an seinen Neuronen einen
bestimmten Energiewert eingenommen hat, die vorzugsweise in Form lokaler Minima
im Energietuch anzutreffen sind. Hat ein Neuronales Netz viele Inputs gelernt,
dann gleicht sein Energietuch einem Gebirge, d.h. die Stromwerte der einzelnen
Neuronen haben sich auf einen bestimmten Wert eingependelt, der sich bei neunen
Inputs außer an bestimmten Stellen (nämlich dort, wo dias neue
Faktum gelrnt wird) nur wenig ändert, da sonst das alte Gelernte wieder
gelöscht wäre. Daran erkennt man: die Kapazität von Neuronalen
Netzen ist begrenzt, jeder neue Input ändert das Neuronale Netz, jede
Wiederholung eines Inputs verstärkt die spezifische Ausprägung im
Energietuch, die den Output ausmacht und das Neuronale Netz pendelt sich auf
einen bestimmten Energiezustand ein, der vorher nicht absehbar ist. Neuronale
Netze sind selbstorganisierend, d.h. die Neuronen brauchen nicht zu wissen, wie
sie einen Information speichern sollen, sondern sie tun dies einfach augrund
der Inputs und des eigenen Potentials. Durch die Rückkopplung und die hohe
Anzahl der Neuronen verhalten sich Neuronale Netze auf ungehuer komplexe Weise.
Daher kann man auch nicht den Neuronen von Beginn an bestimmte Energiewerte
zuweisen, um bestimmte Outputs zu erhalten. Man muß es ihnen konsequent
durch immer wieder gleiche Inputs beibringen.
7.2 Neuronale Fuzzy Logic-Regelproduzenten
Neuronale Netze verarbeiten bestimmte Inputs und liefern
daraufhin bestimmte Outputs. Sie tun dies in sehr ähnlicher Weise wie der
Mensch. Keiner kann genau sagen, warum ein Neuronale Netz auf bestimmte Inputs
gerade dieses und kein anderes Energiemuster bildet, aber das ist auch gar
nicht nötig. Wichtig ist nur, daß es seinen Zustand zunehmend
stabilisiert, selbt wenn der Input leicht variiert. D.h. das Neuronale Netze
früher oder später genauso unscharfe Inputs bverarbeiten können,
wie das menschliche Gehirn. Die Outputs, die sie liefern, stabilisieren sich
aber dagegen. Und genau das können sich Fuzzy-Logiker zunutze machen.
Das große Problem der Fuzzy-Logiker ist es, multivalente
Wenn-dann-Regeln auzustellen, die bei unscharfem Input einen gewünschten,
möglichst scharfen Output liefern können. Solche Regeln zu finden ist
sehr schwierig - so schwierig, daß sie möglicherweise in Zukunft
sogar patentierbar werden. Ein Neuronales Netz kann den Fuzzy-Logikern helfen,
diese angestrebten scharfen Outputs auf unscharfe Inputs zu liefern, wie wir
oben gesehen haben. Sie sind hervorrgagend als DIRO-Systeme (Data-in-Roul-out)
einsetzbar. Und genau hier werden wohl Neuronale Netze ihr Haupteinsatzgebiet
finden, denn die Fuzzy Logic, diese multivalente Logik einer neuen grauen Welt,
die hält nun niemand mehr auf.
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