Abteilungsbildung
von Daniel Schwamm (22.06.1994)
Aus "Heimat des Dilettantismus"
http://www.henrys.de/daniel/index.php?cmd=texte_abteilungsbildung.htm
nach Alfred Kieser (1992)
Inhalt
1. Anlaß und Funktionen der Abteilungsbildung
2. Gestaltungskriterien
2.1 Zurodnung von Aufgaben zu Abteilungen
2.2 Größe von Abteilungen
3. Theoretische Grundlagen
4. Analytische Ansätze
4.1 Eindimensionale Analysen
4.2 Multidimensionale Analysen
5. Bestimmung der Abteilungsgröße
1. Anlaß und Funktionen der Abteilungsbildung
Abteilungen werden aus den folgenden drei Gründen gebildet:
(1) Die Leitungsintensität von Instanzen sind beschränkt: Aber
einer gewissen Leitungsspanne bekommen Instanzen Koordinationsprobleme. Aus
diesem Grund führen sie eine weitere Hierarchiestufung ein. Übliche
sind hier die Stufungen Bereich, Hauptabteilung, Abteilung, Unterabteilung und
Gruppe. Voraussetzung dazu ist jeweils eine Delegation von Entscheidungen.
(2) Komplexität der Organisationsumwelt: Wird die Umwelt zu komplex,
können Abteilungen helfen, daß die Mitglieder dcer Organisation die
Komplexität in den Griff bekommen. Nur so sind sie dauerhaft zu
motivieren. Andererseits dürfen hierbei die Dysfunktionen der
Abteilungsbildung nicht übersehen werden: Abteilungsegoismus und Konflikte
zwischen Abteilungen, die wiederum die Koordinationsaufwand erhöhen
mkönnen.
(3) Hervorhebung von Aufgaben: Oft sind Abteilungen nur gerechtfertigt, weil
sie die Wichtigkeit der Aufgabe der Abteilung unterstreichen soll, so ist es
z.B. bei vielen Ministerien oder PR-Abteilungen gegeben.
2. Gestaltungskriterien
2.1 Zuordnung von Aufgaben zu Abteilungen
Aufgaben sollten möglichst innerhalb einer Abteilung bearbeitet werden,
wodurch sich die Kommunikation innerhalb der Abteilung erhöht (hohe
Kohäsion), dagegen aber zwischen den Abteilungen reduziert (niedriges
Coupling). Autonome Abteilungen sind interdependent von anderen Abteilungen.
Eine weitere Steigerung der Interpendenzen - und damit eine Reduzierung des
Koordinationsaufwandes zwischen Abteilungen - läßt sich über
Puffer, flexible Ressourcen und Slack erreichen, für die ein
übergreifendes Optimum zu bestimmen ist. Jedoch darf bei der
Abteilungbildung keinesfalls die Strategie der Unternehmung vergessebn werden,
so fordert z.B. eine Divisonalisierungsstrategie auch eine entsprechende
Abteilungsbildung nach dem Objekt.
2.2 Größe von Abteilungen
Die Leitungsspanne determiniert die Größe von Abteilungen: Je
größe die Leitungsspanne ist, desto größer ist die
Abteilung. Eine zu kleine Leitungsspanne beansprucht zu hohe Verwaltungskosten,
und eine zu große Leitungsspanne wirft Koordinationsprobleme auf. Eine
Abteilung kann größer sein, wenn folgende Kriterien (z.T.)
erfüllt sind:
* Homogene Aufgabenstruktur innerhalb der Abteilung.
* Geringe Umweltdynamik für die Abtweilung.
* Programmierungs- und Planungsmöglichkeiten sind gegeben.
* Stäbe können unterstützend eingreifen (z.B. durch
Pläne).
* Die Delegation von Entscheidungen ist vorgesehen.
3. Theoretische Grundlagen
Im folgenden wollen wir sehen, in wie weit (und ob überhaupt) die
Gestaltung von Abteilungen in den verschiedenen Organisationstheorien ihren
Wiederhall finden.
(1) Klassische Managementlehre: Hier wird die Abteilungsbildung nach nur
zwei Prinzipien vorgenommen: Nach dem Prinzip der Verrichtung (funktional
orientiert) oder nach dem Prinzip des Objekts (divisional orientiert). Alleine
danach Abteilungen zu bilden, ist sicher zu kurz gedacht.
(2) Situativer Ansatz: Hier wird das Verrichtungs- und das Objektsprinzip
der Abteilungsbildung zu den beiden globalen Grundtypen der
Organisationsstruktur erhoben: Der funktionalen und der divisionalen
Organisationsstruktur. Eine Verfeinerung erhält diese Betrachtung in der -
situationsabhängig empfohlenen - Gestaltung von Sparten
(Divisionalisierung nach Produktgruppen) oder Matrixorganisationen. Die
qualitative Klassifizierung von Organisationsformen muß jedoch an der
Komplexität der Realität scheitern; die konzeptionellen Maße
von Struktur und Situation, die der Situative Ansatz quantitative erhebt, sind
nur unzureichend zu operationalisieren. Im Hinblick auf konkrete
Gestaltungsempfehlungen läßt uns der Situative Ansatz also ziemlich
alleine.
(3) Systemtheoretische Ansätze: Ein solcher Ansatz, der sich mit
Abbteilungsbildung beschäftigt, ist der von Thompson, der Abteilungen in
alleiniger Abhängigkeit vom Interdependenzgrad der Stellen bezüglich
der Ressourcen bilden möchte. Thompson unterscheidet dazu gepoolte,
sequentielle und reziproke Interdependenzen, wobei reziproke Interdependenzen
mit dem höchsten Koordinationsaufwand einhergehen - folglich sind solche
Stellen zu Abteilungen zu gruppieren. Dieses Konzept kann uns bei der
Abteilungsbildung jedoch auch wenig helfen, da nicht gesagt wird, um welche
Ressourcen es sich jeweils dreht: Stellen können auf reziproke Ressourcen
(z.B. Maschinen) und auf gepoolte Ressourcen (z.B. Geld) zugreifen - welche
Interdependenzen sind nun eher zu beachten?
(4) Entscheidungstheoretische Ansätze: Hier werden formale Modelle
gebildet, die helfen sollen, den Koordinationsaufwand bei autonomen Stellen im
Vergleich zum Koordinationsaufwand bei nicht-autonomen Stellen zu sehen. Jedoch
scheitern diese Modelle immer an der Komplexität der Realität, so
daß ihre Kalküle letztlich kontrafaktische Ergebnisse hervorbringen
müssen.
(5) Transaktionskostentheoretischer Ansatz: Transaktionskosten kann man hier
mit den Koordinationskosten gleichsetzen. Die Theorie besagt dann, daß
Manager zu dem Abteilungsbildungssystem greifen würden, daß ihnen
den maximalen Nutzen bringen würde und damit auch - weil dies mit
minimalen Koordinationsaufwand einhergeht - der Organisation die meisten
Vorteile bringt. Danach würde sicher eine Tendenz zu Divisionen erkennbar,
wo Manager gewinnverantwortlich sind, wo Shrinking (Drückebergerei)
abnimmt, die Ausnutzung der Ressourcen effektiver, flexibler und
umweltorientierter ist, und wo die Unternehmsführung sich voll auf die
Strategien konzentrieren kann. Zu dieser sehr pauschalen Erkenntnis
müßte jedoch nicht extra eine Transaktionskostentheorie herangezogen
werden; der normale Menschenverstand käme zur gleichen Lösung.
(6) Evolutionäre Ansätze: Evolutionäre Ansätze empfehlen
lose gekoppelte Abteilungen, um dadurch die Anpassungsfähigkeit
aufrechtzuerhalten. Denn autonome Abteilungen können individueller auf die
Umwelt reagieren, können sich selbstregulativer anpassen, können
eigenständiger Innovationen hervorbringen als funktional-eingegliederte
Abteilungen. Auch das läuft auf eine mehr divisionale als funktionale
Organisations hinaus, jedoch konkrete Gestaltungsempfehlungen werden wenige
genannt (z.B. welches Produkt soll in welche Division, welche Funktionen
sollten in die zentrale Führungseinheit übernommen werden usw.). Eine
Evolutionstheorie wie der St. Galler-Ansatz übrigens käme zu einer
Lösung, die möglichst wenig am Status quo ändern würde,
d.h. hier könnte u.U. auch leicht eine funktionale Organisationsform das
Rennen machen. Ein Hinweis der evolutionstheoretischen Ansätze ist jedoch
wertvoll, nämlich das die synoptische Rationalität nicht stets
über die verteilte Systemrationalität gestellt werden sollte;
Autonomie und letztlich redundante Doppelarbeiten können durchaus ihre
Vorteile haben, z.B. bzgl. der Geschwindigkeit (weniger bzgl. der Kosten).
4. Analytische Ansätze
4.1 Eindimensionale Analysen
Eindimensionale Ansätze, die konkrete Gestaltungsempfehlungen für
Abteilungen geben wollen, orientieren sich i.d.R. an der Dimension der
Kommunikationsintensität. Das SOLL ist, das die Kommunikation innerhalb
von Abteilungen größer ist als zwischen Abteilungen. Realsiert
werden kann eine solche Vorstellung, indem nach folgenden Schritten vorgegangen
wird:
(1) Kommunikationsanalyse erstellen: Hierbei ist zu klären, wie
präzise die Kommunikationsintensität erfaßt werden soll. Dies
ist sicher eine relevante Kostenfrage. Auch der Erhebungszeitraum sollte klug
gewählt werden, z.B. 2 bis 5 Wochen, damit Ausnahmefälle die
Aussagekraft der Ergebnisse nicht unnötig einschränken. Weiter ist zu
klären, welche Kommunikationsmedien betrachtet werden sollen, z.B.
Face-to-Face, IT, Telefon, usw. Weitgehend wird nur die intensivste -
abteilungswürdigste - Kommunikation untersucht, nämlich die
Face-tzo-Face-Kommunikation. Selten wird auch die dauer der Kommunikation
erhoben; dies ist zu aufwendig - i.d.R. beschränkt man sich hierbei mit
der Häufigkeit der Kommunikation. Zuletzt muß in diesem schritt noch
geklärt werden, wie die Erhebung vonstatten geht: Mittels Interviews,
Fragebögen, Strichlisten oder EDV-lesbare Formularen?
(2) Kommunikationsmatrix erstellen: Sei A=(aij), dann gibt aij z.B. an, wie
oft (nicht wie lange!) die Stelle i mit der Stelle j face-to-face kommuniziert
hat.
(3) Kalkül einsetzen zur Bestimmung der optimalen Abteilungsstruktur:
Die Aggregationsverfahren zur Gruppierung von stellen zu Abteilungen kann nach
diversen Methoden vorgenommen werden. Beispiele wären Clusteranalysen,
heuristisch-enumerative Verfahren oder Dichtels multidimensionale
Skalierung.
Leider muß an diesem Verfahren zur Abteilungbildung vieles
bemängelt werden: Zunächst wirken viele Dimensionen auf die
Sinnhaftigkeit von Abteilungsbildungen ein, nicht nur die
Kommunikationsintensität (siehe nächsten Abschnitt). Desweiteren hat
die vorhandene Abteilungsstruktur großen Einfluß auf die
Kommunikationsanalyse. Durch Beobachtung z.B. erhält man keinen SOLL-,
sondern IST-Zustand, der natürlich durch gegebene Struktur dominiert wird.
Bei Befragungen erhält man auch nicht unbedingt die optimaleste Struktur
für die Organisation, sondern eher eine Attraktivitäts- und
Beliebtsheitssklala, die allenfalls für Feierabendtreffs von Relevanz sein
können (Beliebtheit und Attraktivität von Personen sind Dimensionen
für die Kommunikationsintensität, nicht aber für den
Koordinationsaufwand, und müssen daher ausgefiltert werden), da sie eher
soziale Beziehungen als Abteilungsbeziehungen betreffen). Mit anderen Worten:
Hohe Kommunikationsintensität zwischen zwei stellen heißt nicht
unbedingt, daß hier hoher Koordinationsbedarf vorliegt! Weitere Probleme
ergeben sich dadurch, daß abteilungsinterne Kommunikation schwerer zu
erfassen ist, als abteilungsexterne, und daß z.T.
Face-to-Face-Kommunikation erwünscht ist, wo sie im Vergleich zu neuen IT
dysfunktional sein würde (z.B. können Planungsdaten genausogut
über das Rechnernetz versendet werden, statt mündlich überbracht
zu werden).
4.2 Multidimensionale Analysen
Neben der Kommunikationsintensität spielen weitere Dimensionen eine
Rolle bei der Bildung von Abteilungen, so z.B. gemeinsame Ressourcen,
Aufgabenhomogenität, gleiche Techniken usw. Mit seinen sieben Stufen wird
bei diesem Verfahren folgendermaßen vorgegangen:
(1) Auswahl der für die Abteilungsbildung relevanten Dimensionen.
(2) IST-Analyse der Dimensionen.
(3) Ähnlichkeit zwischen den Stellen bewerten.
(4) Normierung und Gewichtung der verschiedenen
Ähnlichkeitsmatrizen.
(5) Über Aggregationsverfahren eine Gesamtähnlichkeitsmatrix
bilden.
(6) Unmögliche Abteilungen eliminieren (weil z.B. Kontrolle extra sein
muß).
(7) Gruppierung der Stellen zu Abteilungen, z.B. über
Clusterverfahren.
Hier lassen sich keine fundierten, theoretisch abgestützen
Begründungen für die Wahl der Gewichtung, der Dimensionen, der
Auswahl der Aggregations- und Gruppierungsverfahren finden; dem ganzen
hängt der Beigeschmack von Willkür an, zumal z.B. die Betrachtung von
divisionalen Organisationen ggü. funktionalen Ergebnissen nicht nur andere
Dimensionen erfordert, sondern auch gleiche Dimensionen unterschiedlich
interpretiert wissen will. Außerdem sagen die Ergebnisse auch nichts
über die SOLL-Größe und die NORM-Größe von
Abteilungen in einer bestehenden Organisation (mit Koordinationsproblemen
aufgrund falscher Abteilungsbildung) aus.
5. Bestimmung der Abteilungsgröße
Das Lockhead-Verfahren ist ein Scoring-Modell, welches helfen soll, die
IST-Größe von SOLL-Abteilungen zu bestimmen und sie auch noch mit
einer normierten Vorstellung zu konfrontieren. Dazu wird nach folgenden
Schritten vorgegangen:
(1) Auswahl der relevanten Einflußfaktoren der Leitungsspanne: Z.B.
Die Homogenität von Aufgaben, die räumliche Nähe, der Einsatz
von Programmierung und Planung usw.
(2) Gewichtung.
(3) Skalierung der Einflußfaktoren.
(4) Addition zu Gesamtsummenwerten.
(5) Vergleich mit Norm-Leitungsspanne.
Wiederum ist die Wahl der Dimensionen, der Gewichtung und v.a. der
Norm-Leitungsspanne wissenschaftstheoretisch nicht begründbar, sondern
entspricht nur subjektiven Einschätzungen. Als Basisdaten für die
Gestaltung von Abteilungen sind die Ergebnisse des Lockhead-Verfahrens daher
mehr als fraglich, wenn sie ihren Lösungsweg jedoch auch relativ
transparent machen.
|